„Oblivion (IX)“, Piz d’Ander, Edelweißtal
Erstbegehung der "Oblivion" © Simon Gietl und Andrea Oberbacher

Simon Gietl und Andrea Oberbacher gelang diesen Sommer eine Erstbegehung im Edelweißtal, oberhalb von Kolfuschg. Eine neue Route im IX Schwierigkeitsgrad an sehr gutem bis ausgezeichnetem Fels.

Am 19.7.2014 kam ich das erste mal in das schöne Edelweißtal oberhalb von Kolfuschg. Zusammen mit Vitto Messini gings damals richtung „La Dorada“zu einer Erstbegehung die wir uns ins Auge gefasst haben. Als wir die Forstrasse gemütlich hoch spatzierten konnten wir unser Ziel immer wieder gut erkennen. Weiter rechts davon ragte noch eine gelbe für uns unbekannte Wand in den Himmel hoch. Da wir aber sowiso den Plan hatten richtung „La Dorada“ zu gehen wo auch mittlerweile auch wieder unsere Gedanken waren sprach keiner mehr von der unbekannten Wand.
Am zweiten Tag erreichten wir denn Gipfel und konnten eine schöne Erstbegehung „Neolit“ feiern. An diesen Tag war mir noch nicht bewusst wie sehr mich das Edelweißtal in den Bann ziehen wird. Es folgten noch zwei Erstbegehungen am „La Dorada“: Spaßbremse & hart aber fair und eine neue Tour links, am „Sass Campac“: La Gola. Jedesmal sah ich die unbekannte Wand, die mittlerweile schon einen Namen bekam, mit anderen Augen: „Die gelbe Wand mit dem großen Dach“. Immer wieder sprachen meine Freunde und ich über die Möglichkeiten eine Neutour zu versuchen. Zu dem Zeitpunk hatten wir die Information, das es noch keine einzige Linie durch diese gelbe Mauer gibt. Aber das große Dach machte uns Kopfzerbrechen und für uns war es klar, ohne Bohrhaken wirds sehr schwierig wenn nicht sogar unmöglich.
Am 13.5.2015 wollte Andrea Oberbacher es mit mir versuchen und herausfinden, ob es nun für uns machbar ist oder nicht. Am Einstieg angekommen, wurden zuerst mal die schweren Rucksäcke, die voll mit Klettermaterial waren, hingelegt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, wenn man nach oben schaut. Beeindruckt von der Steilheit und der Größe starrten wir nach oben. Wir sprachen über die Möglichkeit, wo wir eine Chance hätten, gut bis zum großen Dach zu kommen. Für uns beide war klar, dass wir die große Verschneidung erreichen müssen, die den unteren Teil beherrscht.

Sobald das Klettermaterial den Platz am Gurt gefunden hat, gings los. Von links nach rechts kletterten wir einen Bogen die ersten 3 Seillänge bis wir schließlich am Anfang der gelben Verschneidung ankamen und einen angenehmen Standplatz bauen konnten. An diesen Tag konnten wir noch 2/3 der Verschneidung klettern ca. 20 Meter, wo dann nicht nur der Tag zu Ende ging, sondern auch unsere Kräfte.

Durch eine Alaska-Expedition und der Bergführerarbeit kamen wir schlussendlich erst wieder am 12.04.2016 zurück zu unserer angefangenen Erstbegehung. Wieder kletterten wir die bereits gemachte Seillänge nach oben, bis wir dort ankamen, wo das letzte mal Schluss war. In teils freier, teils technischer Kletterei konnten wir die Seillänge um 10 Metern verlängern, wo wir dann einen geeigneten Stand herrichten konnten. Die nächsten zwei Seillängen konnten wir wieder um einiges schneller klettern, bis wir unter dem großen Dach ankamen. Mit großen Augen begutachten wir das fast schon waagrecht ausladende Dach und es wurde uns gleich klar, wenn, dann gibt es nur eine mögliche Lösung. Zwar ragte das Dach dort fast am weitesten nach außen, aber wir witterten eine Chance durch diese Sonnen… zu klettern. Langsam wurde es wieder Zeit, abzuseilen, da sich der Tag zu Ende neigte.
Jetzt konnten wir es nicht mehr erwarten, die Antwort zu unserer Frage zu bekommen „geht es oder geht es nicht, das ca. sechs Meter hinausragende Dach erstzubegehen?“. Einige Tage später ging es wieder in das schöne Edelweißtal, aber diesmal querten wir ein kleines Band hinein, das uns direkt zu unseren letzten Umkehrpunkt brachte, so sparten wir uns nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Es war kaum zu glauben, immer wieder zierten feine Risse das unglaubliche Gewölbe, wo die Felshaken Platz fanden. In technischer-kletterei gings Richtung Dachkante. Das Baumeln der Füße erinnerte uns immer wieder, wie steil es hier ist.

Fünf Meter oberhalb der Kante war der ideale Platz für den nächsten Stand. Mit voller Motivation gings weiter, da wir jetzt das Dach und sozusagen das große Fragezeichen gelöst bzw. hinter uns gelassen hatten, war unser Selbstvertrauen so gestärkt, dass wir dachtens jetzt kann uns nichts mehr aufhalten. Nur schaute die Realität anders aus. Nach gute sechs Meter war wieder Schluss mit weiterkommen. Langsam wurde uns auch bewusst, dass die nächste Seillänge erst der Schlüssel zum Erfolg sein wird und so noch harte Arbeit auf uns wartete. An diesen schönen Sommertag kamen wir nur noch drei Meter weiter.

Am nächsten Tag wollten wir den Gipfel erreichen. Langsam, sehr langsam kamen wir weiter. Der Fels war zwar super kompakt, aber leider auch so geschlossen, dass es sehr schwierig war, Haken zu schlagen. Es war nicht einfach, den leichtesten Weg zu erkennen und so blieb es aufregend, ob wir die richtige Nase haben. Ohne es anzusprechen war es Andrea und mir klar, dass heute der Gipfel nicht mehr das Ziel ist, sondern einfach nur diese Länge zu Ende zu bringen. Nach sieben Stunden dann die Erlösung: „Andrea i hon Stond!“.
Jetzt brauchten wir mal einige Tage zur Erholung, bis wir dann am 11.6.2017 zurückkamen. Zwar war der Wetterbericht nicht vielversprechend, aber wir konnten es nicht mehr erwarten, auch die letzten Meter zu klettern. Ein Riss gab uns den weiteren Weg vor. Die ersten zehn Meter waren noch recht anspruchsvoll, bis wir dann endlich im leichten Gelände ankamen, was bis zum Gipfel gleich blieb. Mittlerweile hat es schon zu Regnen angefangen, aber das machte uns jetzt nichts mehr aus und konnte auch unsere Freude nicht vermissen, die Erstbegehung jetzt geschafft zu haben.

 

Nach zwei weiteren Tagen in der Wand, wo wir die Züge aneinander reihten stiegen Andrea und ich am 21.06.2017 noch einmal ein, um die Tour „Rotpunkt“ zu klettern.
Es war ein perfekter Tag, Seillänge um Seillänge kletterten wir nach oben. Es war einfach nur ein großes Geschenk, so eine unglaubliche Linie zu klettern. Ein kräftiger Händedruck am Gipfel beendete ein schönes unvergessliches Abenteuer.

 

Simon Gietl
Erstbegehung der "Oblivion" © Simon Gietl und Andrea Oberbacher

Routeninformationen

Schwierigkeit: IX
Absicherung: Normalhaken
Fels: gut bis ausgezeichnet
Material: 1Serie Friends bis 2
Zustieg: vom Parkplatz(Lift) zur Edelweißhütte (20min) von dort in 30min zum Einstieg (gut sichtbar).
Abstieg: vom Gipfel in einer rechts Schlaufe zurück zur Wanderweg der direkt zur Edelweißhütte führt (einfach zu finden)