Unsere Bergwelt als Geschäftsmodell? © Airphoto Tappeiner

Die Alpin- und Umweltverbände CAI Südtirol, Alpenverein Südtirol, Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Heimatpflegeverband Südtirol, Mountain Wilderness, Lia per Natura y Usanzes und WWF Trentino Südtirol setzen dem einen anderen Standpunkt entgegen!

Bozen, 22. Juli 2026

Gemeinsame Pressemitteilung von AVS, CAI Alto Adige, Dachverband für Natur und Umweltschutz, Heimatpflegeverband Südtirol, Mountain Wilderness, Lia per Natura y Usanzes und WWF Trentino Südtirol.

Wie der Präsident des Dolomiti Superski, Andy Varallo, in der Sonntagsausgabe des Alto Adige vom 12. Juli über die laufende Sommersaison spricht, muss hinterfragt werden: Seine Darstellung ist zutiefst einseitig und kurzsichtig. Die Alpin- und Umweltverbände CAI Südtirol, Alpenverein Südtirol, Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Heimatpflegeverband Südtirol, Mountain Wilderness, Lia per Natura y Usanzes und WWF Trentino Südtirol halten dem eine andere Sichtweise entgegen – eine, die fragt, was ein solches Tourismusmodell in Zeiten des Klimawandels bedeutet.

In dieser Erzählung wird der Berg seiner ganzen Bedeutung entleert und zum bloßen Produkt, zum Zielobjekt des Marketings. Dabei wurde der Berg immer für anderes geschätzt: für die Erhabenheit seiner Gipfel, das Grün seiner Wiesen, das klare, frische Wasser aus Quellen und Bächen, für seine Ruhe inmitten der Hektik der Städte. So sollte er bleiben, um nicht seines Wesens beraubt zu werden – ein Ort der Schönheit und der Besinnung, reich an empfindlichen und endlichen Ressourcen, die es zu bewahren gilt: Wasser, Boden, das Grün der Weiden und Wälder, die Landschaft, die Gemeinschaften, die Traditionen, die Spiritualität. Der Berg ist das Wesentliche und eine Quelle des Wohlbefindens.

In Varallos Sichtweise dagegen erscheint der Berg einzig als Ressource, die es auszubeuten gilt: Wälder werden gefällt, um neue Pisten anzulegen oder bestehende zu verbreitern, Boden wird verbraucht für neue Beschneiungsbecken, die Landschaft mit Masten, Seilbahnkabeln, Infrastrukturen und Schneekanonen vollgestellt. Und all das zieht immer größere Kubaturen nach sich: Luxushotels, Dienstleistungen, die niemand wirklich braucht und die dennoch Unmengen an Ressourcen und Energie verschlingen. Kurz: eine tiefgreifende Umgestaltung des Bergraums, die ihm sein Wesen nimmt. Es wäre, als füllte man das Kolosseum mit Werbeplakaten und ließe es so zur beliebigen Stadtrandkulisse verkommen.

Mitten in der Klimakrise bedeutet die planmäßige Organisation eines kontinuierlichen Stroms  amerikanischer Touristinnen in die Dolomiten vor allem eines: mehr CO2. Denn jeder Reisende aus den Vereinigten Staaten verursacht im Schnitt zwischen 1,5 und 3 Tonnen CO2 (Quelle: Il Sole24Ore). Zum Vergleich: Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen in Italien liegen laut ISPRA bei rund 7 Tonnen im Jahr. Der Dolomiti Superski hat eine Geschäftsbeziehung mit Ikon Pass aufgenommen, dem meistverbreiteten globalen Skipass der USA, der seinen Käufer*innen das Skifahren in den Dolomiten als inbegriffenen Vorteil verspricht. Wer das aufmerksam liest, erkennt: Der Dolomiti Superski trägt Mitverantwortung für den damit verbundenen CO2-Anstieg und dessen Folgen fürs Klima.

Hinzu kommt: In einer Zeit, die von touristischer Überfüllung und Klimakrise geprägt ist, kann das Wachstum der Tourismusströme kein Ziel an sich mehr sein. Die Eurac hält in ihrer Publikation „The Sustainable Tourism Observatory of South Tyrol (STOST) Annual Progress Report – 2024 edition“ fest, dass Südtirol Rekordwerte bei Ankünften und Nächtigungen erreicht hat – und betont zugleich, dass die eigentliche Herausforderung nicht darin liegt, diese Zahlen weiter zu steigern, sondern die Ströme räumlich und zeitlich neu zu verteilen. Und das heißt: die ökologischen und sozialen Grenzen der touristischen Entwicklung anzuerkennen.

Das Problem ist nicht der einzelne Gast aus Übersee. Zum Problem wird es, wenn planmäßig ein Geschäftsmodell aufgebaut wird, das eine ohnehin angespannte Klimalage weiter verschärft und die Aussichten künftiger Generationen verschlechtert. Auch der Arbeitsmarkt, mit dem sich der Dolomiti Superski so gerne brüstet, muss sich in Zukunft tragen können; wenn sich das Klima weiter zuspitzt, zahlen wir am Ende alle dafür – und tragen damit Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen für die Entscheidungen, die wir heute treffen.

Die Frage ist also nicht, ob wir Touristinnen aus Amerika oder anderswoher anziehen sollen oder nicht. Die Frage ist, ob es überhaupt noch verantwortbar ist, weiter auf das rein zahlenmäßige Wachstum der Tourismusströme zu setzen – in einer Zeit, in der die Folgen der Klimakrise mit jedem Jahr deutlicher werden. Der Erfolg einer Destination sollte sich nicht allein an der Zahl der Besucherinnen bemessen, sondern vor allem daran, ob sie den Einwohner*innen Wohlergehen, Dienstleistungen, den Schutz der Landschaft und ein widerstandsfähiges Land sichert.

Wer den Klimawandel dann noch als Chance begreift, weil er mehr Menschen in die Berge bringt, hat die Tragweite dessen nicht verstanden, was unsere Wirtschaft ausgelöst hat und unaufhaltsam weiter befeuert. Er übersieht, dass bei jeder Hitzewelle rund 10.000 Menschen in Europa sterben (Quelle: Rai News) und Millionen unter der Hitze leiden. Und was ist mit all jenen zu sagen, die sich trotz der drückenden Hitze die Fahrt in die Berge gar nicht leisten können – vielleicht mit einer ganzen Familie –, um dem Glutofen der Städte zu entkommen? Das ist eine makabre Erzählung davon, wie man Geschäfte auf der Haut der Menschen und der Umwelt macht. Es heißt, auf der sinkenden Titanic zu tanzen.