Klettern am Gantkofel
Ausgewählte Kletterrouten am Gantkofel im Porträt

Nachdem Oliver Renzler 2026 selbst eine neue Route am Gantkofel eröffnen konnte, rückte der markante Berg erneut in den Fokus. Anlass genug, mit einigen Vorurteilen aufzuräumen: Entgegen seinem Ruf bietet der Gantkofel überraschend festen Fels, abwechslungsreiche Kletterei und eindrucksvolle Linien. In diesem Beitrag stellt Oliver Renzler fünf Touren vor, die das vielseitige Potenzial dieses oft unterschätzten Kletterbergs direkt über Bozen zeigen.

In Südtirol wird kein Berg täglich häufiger gesehen als der Gantkofel hoch über Bozen.  Aber wetten, dass die meisten Kletterer glauben, seine bis zu 400 m hohen steilen Wände seien zum Klettern zu brüchig? Irrtum!

Gesehen wird er am häufigsten, weil er über den großen Ballungsgebieten, Meran, Etschtal, Bozen, Überetsch thront, und sein flacher Gipfel auch die Autofahrer der MeBo und der Brennerautobahn grüßt. Aber nein, brüchig und begrast sind seine grau-gelb-weißen Kalkwände nicht überall. Ich stelle hier fünf Touren vor, die ein breites Spektrum des alpinen Kletterns abdecken, von kurz alpin bis lang sport. Wobei lang bis zu 10-12 Stunden bedeutet! Und das direkt über Bozen, mit E-bike Zufahrten, schnellen Zustiegen und gemütlichen Abstiegen. Was wünscht man mehr?!

Vorweg auch: wer glaubt, dass der Fels in vielen Dolomitentouren immer schon so “fest” war, der irrt. Nach dutzenden und hunderten Begehungen sind viele Touren  ausputzt worden, bei vielen gibt es tatsächlich kompakteren Fels und bei sehr vielen, vor allem weniger begangenen Touren hängt und liegt jede Menge Schrott herum. Heute wie damals, in allen Gebirgsgruppen. Und natürlich auch in den noch kaum abgekletterten Wänden des Gantkofel. Der große Wandausbruch in der Nordwand vor wenigen Jahren… na und? Noch nie was von den großen Ausbrüchen zum Beispiel an der Rotwand, den Sextner Dolomiten, den Belluneser Dolomiten, in der Brenta, der Pala und so weiter gehört? Die Berge flachen eben aus…

Eigentich stört am Gantkofel weniger der nicht völlig ausgeputzte Fels entlang der kaum wiederholten Routen, sondern der Bewuchs. Aber die modernen Touren stellen genau diesem Grün aus, so wie eben auch den weniger festen Felszonen. Also, los gehts! Keine staureichen Fahrten in laute und überlaufene Gebiete, sondern ab in die Ruhe und Einsamkeit des Gantkofel.

Ich liste die fünf hier vorgestellen Touren von kurz alpin, bis lange sport, auf. Es gibt aber noch eine handvoll weitere Touren durch die Ostwand. Diese liegen meist im 5 bis 6 Schwierigkeitsgrad, folgender logisch einfachsten Linie stets klassisch durch viel begrast brüchige Verschneidungen und Wandpartien, sind in den späten 80/90ern unter anderem von Toni Zuech und Kollegen erstbegangen  und meist nie wiederholt worden. Beschreibungen kann man einem Wandbuch im Gasthof Wieser in Perdonig entnehmen. Detail am Rande: Die erste Tour durch die große Nordwand gelang mir free-solo vor langer Zeit mit 17 Jahren. Ziemlich verrückt…stelle ich mit Abstand einiger Jahrzehnte fest. Aber ja, wiederholt und oben begradigt wurde sie circa ein Jahr später, um 1985, von Roland Mittersteiner und Toni Zuech – und dann wohl nie wieder. Nach dem großen Bergsturz ist sie sowieso nicht mehr begehbar.

Routeninformationen

 

„Edelweisskante“

Erstbegehung: Plattner und Hafner, 2008

Schwierigkeit: 5+

Ausrichtung: Ostseitig ober Buchwald direkt links der Kematscharte.

Länge: 200 Hm, 4 Längen,

Zeit: 2h

Absicherung: Gut abgesichert mit Normalhaken.

Material: NAA, 10 Exen.

Einstieg: Zum Einstieg ab Buchwald (46.473724, 11.228287) mit E-bike 20 min, ohne 1h. Abstieg über Kematscharte 30 min zu Bike.

Routeninformationen

„Direkte Gantkofel Ostwand“

Erstbegehung:  Bruno und Livio Tasinato am 18.07.1980

Schlüsselstelle: V und A0

Schwierigkeit: D+

Höhe: 630 m

Verwendetes Material: 80 Haken inklusive Standplätze

Die markante Nordostkante des Gantkofels zählt zu den großen alpinen Linien über dem Etschtal. Nach ersten Versuchen in den Jahrzehnten zuvor gelang Bruno und Livio Tasinato 1980 die vollständige Erschließung der Wand. Die Route wurde mit zahlreichen Haken eingerichtet, lose Felspartien wurden entfernt und die Linie dadurch auch für die damalige Zeit gut begehbar gemacht.

Die Wand gliedert sich in drei markante Abschnitte, getrennt durch zwei große Latschenbänder. Der Einstieg befindet sich etwa 100 m rechts des Kriegstunnels in einer offenen Verschneidung. Der erste Wandteil führt über grasige Rampen, eine markante Felsschuppe und eine Schlüsselstelle unter einem schwarzen Dach zum ersten großen Band. Die Kletterei ist abwechslungsreich und fordert vor allem in den steileren Passagen.

Der zweite Abschnitt bietet gleichmäßige Kletterei im IV. bis IV+-Grad, allerdings im brüchigsten Gelände der Route. Über mehrere Seillängen erreicht man das zweite große Band.

Der eindrucksvolle Schlussabschnitt führt über einen Kamin, eine markante überhängende Verschneidung und guten, strukturierten Fels zum Ausstieg. Die letzten Meter werden in Spreizkletterei überwunden und führen direkt zum Gipfel.

Eine lange alpine Unternehmung mit historischem Charakter, die trotz ihrer geringen Seehöhe ein echtes Wandabenteuer über Bozen bietet.

Routeninformationen

„Via del Gams“

Erstbegehung: Markus Aufderklamm und Paolo Bonvicin im April 2017

Schwierigkeit: 7a (6b oblig.)

Höhenunterschied: 200 m

Seillängen: 5

Ausrichtung:
West

Stunden: 3

Fels: gut

Ausrüstung: 10 Expressschlingen

Zustieg: Von Gaid oder alternativ von Nonstal über Fondo bis zur Malga di Fondo. Von dort folgt man dem Wanderweg in etwa 30 Minuten bis zur Örtlichkeit „Secont pra Laures“. Anschließend steigt man in ca. 10 Minuten durch die Gaiderscharte zur Wand ab.

Abstieg: Nach rechts haltend durch den Wald absteigen bis zu jener Stelle, an der man von oben in die Scharte einsteigt (siehe Topo).

Routeninformationen

„Olli’s Meisterwerk“

Erstbegehung: Oliver Renzler, 2015
Schwierigkeit: 7b
Höhe: 450 m
Länge: 13 Seillängen
Zeitbedarf: 8–12 Stunden
Material: 18 Expressschlingen

Absicherung: Bohrhaken 10mm

Charakter: Sehr lange, anhaltende und anspruchsvolle Sportklettertour in meist gutem Fels. Die Route bietet abwechslungsreiche und fordernde Kletterei durch die schönsten Wandpartien der Nordwand. Wie beim „Gsellenwerk“ wurde die Tour von oben eingerichtet, um eine möglichst logische und homogene Linie durch die Wand zu ermöglichen. Eine ernsthafte Unternehmung mit alpinem Charakter, die vom Anspruch her anspruchsvoller ist als manche schwierige Marmolada-Südwandroute. Trotz der Länge überzeugt die Tour durch ihre Qualität und das eindrucksvolle Ambiente.

Zustieg: Der Zustieg erfolgt von Perdonig. Mit E-Bike erreicht man den Ausgangspunkt schneller und gelangt in etwa 15 Minuten zum Einstieg. Ohne E-Bike beträgt die Zustiegszeit ca. 1 Stunde und 20 Minuten.

Abstieg: Der Abstieg erfolgt über den Steig „Eisenstadt“ zurück zum Ausgangspunkt und dauert etwa 50 Minuten bis zum E-Bike.

Letzte Wiederholung:Mai 2026.

Routeninformationen

„Olli’s Gsellenwerk“

Gaiderscharte Nordkante

Erstbegehung: Oliver Renzler, 2026
Höhe: 200 m
Länge: 6 Seillängen
Zeitbedarf: 3–4 Stunden
Schwierigkeit: 7a
Material: 15 Expressschlingen

Charakter: Gut abgesicherte, abwechslungsreiche Sportklettertour in bestem Fels. Die Route bietet vielfältige Kletterei ohne störende Bandausstiege und hat aufgrund ihrer Qualität das Potenzial zum Klassiker. Neben der anspruchsvollen Kletterei überzeugt vor allem das eindrucksvolle Ambiente der Gaider Scharte.

Zustieg: Zum Einstieg (46.504652, 11.195357) gelangt man am schnellsten mit dem E-Bike von Perdonig (46.501769, 11.220364). Vom Abstellplatz des E-Bikes (46.505523, 11.199948) erreicht man den Einstieg in ca. 10 Minuten zu Fuß.

Ohne E-Bike erfolgt der Zustieg von Gaid (46.512654, 11.206025) in etwa 1 Stunde und 15 Minuten.

Abstieg: Vom Ausstieg über die Gaider Scharte absteigen. Der Abstieg zum E-Bike dauert etwa 30 Minuten.

Erstbegehungen im Oman 2019 © Luca De Giorgi, Johannes Kaufmann, Peter Warasin, Gabriel Rossi, Ben O’Neill und Katrina Robles