Am Samerjoch zwischen Nonsberg und Ultental © Stephan Illmer

Aus der Bergeerleben-Serie Südtiroler Bergnamen

Die ersten Bergführer waren gehtüchtige Männer, die schon von Berufs wegen höchste Jöcher erstiegen, als Hirten, um das Vieh in entlegene Weidegebiete zu treiben, als Träger, um Baumaterialien, Werkzeug und Verpflegung auf höchste Schutzhäuser zu tragen, oder als Schmuggler, um begehrte Ware über Staatsgrenzen zu „schwärzen“. Besonders die Gamsjäger drangen in felsige, eisige Kare vor, um das Wild zu stellen – dies befähigte im Jahre 1804 auch das Pseirer-Josele aus Schluderns, die Erstbesteigung des Ortlers vorzunehmen.

von Johannes Ortner

Vierhirtenknott (2.530 m)

Der Kamm zwischen dem Vinschgau und Ulten westlich der Naturnser Hochwart besteht aus mehreren unscheinbaren Erhebungen. Eine davon ist der Vierhirtenknott: Laut Überlieferung sollen am Gipfel vier Hirten vom Blitz getötet worden sein. Manche sagen, es waren nur drei Hirten, denn eine steile Weidefläche auf Ultner Seite – etwas unterhalb des Gipfels – ist die Dreihirtenspitzleit. Uneinigkeit besteht aber auch darin, welcher Knott der Vierhirtenknott genau sei: Für die Naturnser ist es der südlichste Punkt der Katastralgemeinde Naturns (Franziszeischer Kataster 1858: Vier Hirten Spitze) – die Ultner jedoch nennen genau diesen Knott Dirchl (zu mundartlich „dirchl“, das bedeutet „löchrig“). Dem gegenüber nennen sie eine Erhebung nördlich davon (2.546 m) nach den drei oder vier Hirten, die dort einst einen tödlichen Arbeitsunfall erlitten. Man kann sich also um Gipfel und ihre Lage trefflich streiten …

Vierhirtenknott I Berge erleben © Johannes Ortner
Vierhirtenknott © Johannes Ortner

Schaferegge, Schaftod und Curtina dlas biesces

Nach Anhöhen, die von Schäfern aufgesucht werden, um die Schafherden zu beobachten, sind im Alpenraum unzählige Erhebungen benannt – oft weit oberhalb der Baumgrenze; z. B. das Schaferegge (2.430 m) am Seeber Kar im Hinterpasseier oder der Schafernitl (2.575 m) hoch über dem Weithal-Hof in Katharinaberg/Schnals. Mit Nitl bzw. Itl wird in Schnals und Passeier übrigens ein Hangsporn bezeichnet.

Die genügsamen Schafe beweiden das felsige Hochgebirge, es lauern vielerorts Gefahren. Absturzstellen heißen demnach Schaftod (mundartlich „der Schoftoat“), von denen es alleine im Schaf- und Lärchental Schnals deren fünf gibt. In Wolkenstein finden wir hingegen am Fuße der Stevia-Felswände im Langental den überaus beredten Flurnamen Curtina dlas biesces, zu deutsch Schaffriedhof.

Schneidige Männer als Namenspatrone der „Wårter“

In der Partschinser und Schnalser Gegend ist der Begriff „Warter“ häufig zu hören. Besondere Plätze wurden von Gamsjägern durch aufgeschichtete Steinmale gekennzeichnet. So kennt man hoch überm Pfossental einen Valtlswarter (3.095 m; nach einem Valtl, also Valentin) und einen Toniwarter (2.868 m; nach einem Anton), oberhalb des Berghofs Schnatz am Naturnser Sonnenberg einen Karlwarter (2.502 m; nach einem Karl), den Loisenwarter (3.134 m) am Grenzkamm zwischen Schnals und Partschins (nach einem Alois) sowie den Grazenwarter (2.385 m) am Eck oberhalb von Giggelberg (Partschinser Sonnenberg), benannt nach einem Graz, einem Pankraz also. All diese entlegenen Warter sind gleichzeitig lohnende Gipfelziele, zu denen höchstens ein paar Steigspuren hinführen.

Träger und Säumer

Träger und Säumer sind gewissermaßen Vorläufer der Bergführer. Wie diese müssen sie in der Lage sein, Unbilden des Wetters und die Tücken des Hochgebirges genau einschätzen zu können. Hie und da weisen Marterlen darauf hin, dass manche von ihnen von einem Kaltlufteinbruch überrascht wurden und im Schneesturm erfroren.
Nach den Säumern (mundartlich Samer), die eine Saumlast mit Hilfe eines Saumtieres von A nach B transportierten, sind manche Bergfluren benannt. Dazu zählt z. B. der Samerboden (2.485 m) in Langtaufers unterhalb des Weißseejochs, das ja bereits seit urdenklichen Zeiten als Übergang zwischen Langtaufers und dem Kaunertal dient. Ob der Samerberg (die Welschnonsberger sagen Montáut, also „Hochalm“) zwischen Proveis und Ulten auch dem Warentransport diente, kann angenommen werden, wenn auch das mundartliche „Sam“ in den meisten Fällen „Saum; Höhenrand“
bedeutet. Althochdeutsch soum „Saum“ ist Lehnwort zu lateinisch sagma „Last“ und althochdeutsch „saum“ bedeutet „Rand“ – beides wird in der Tiroler Mundart zu „Sam“. Das romanische sagma bzw. samaira steckt dagegen im Flurnamen Samoar im hintersten Niedertal, das zu Schnals gehört, aber im Ötztal liegt. Genau an dieser früheren Raststation der Säumer steht heute das Martin-Busch-Haus.
In diesem Zusammenhang gibt es einen weiteren besonderen Flurnamen: Samerschlag, ein Begriff, der einen Sammelplatz für Saumlasten bezeichnete. So ein Samerschlag befindet sich am Jochübergang zwischen dem Lichtenberger Alptal und der Stilfser Alp im Oberen Vinschgau (2.569 m) – auf Lichtenberger Seite kennt man zusätzlich noch einen Weideboden namens Sam. Am Goldrainer Jochweg, einem urgeschichtlichen Übergang zwischen dem Vinschgau und Schnals, befindet sich auf 2.469 m der auffällige Hangsporn namens Samerschlög, also gleich mehrere Samerschläge. Auch in Allris, einem Seitental in Pflersch, befindet sich am sonnseitigen Hang ein Samerschlag. Und direkt am Stallersattel befindet sich eine kuppenförmige Anhöhe Samschlag (2.085 m). Auf einem Waldrücken (1.599 m) oberhalb von Stilfes im Wipptal liegt ebenfalls ein Samschlag.
Wo selbst Saumtiere nicht mehr hinkonnten, dorthin schleppten Kraxenträger in einer Rückenkraxe ihre schwere Fracht. In Defereggen/Osttirol kannte man spezielle „Tauakraxn“, also Traggestelle, um über den Tauern zu gehen. In Pfitsch gibt es den Kraxentrager (1667 „Salztrager“; mundartlich „Kraxntrouga“, 2.999 m) als Gipfelnamen, wohl nach der auffallenden Felsfigur benannt.
Eine Erhebung im Felskamm zwischen Frankbach und Keilbach im Ahrntal ist die Kopfkraxe (2.936 m) – der Fels ist nach einer Kraxen-Spezialform benannt worden: Durch ein Holzgestell auf dem Kopf konnte die Last noch geschickter verteilt werden. Links vom Ratschinger Ziechengraben heißt ein felsiges Waldgebiet Kraxentrager (1.550 m), in Gfeis (Gemeinde Riffian) heißt eine Bergwiese des Kinighofs Kraxner, in Stuls in Passeier gibt es im Bereich der Silberhütthöhe in der Wiese einen Raststein, den Kraxenstein.

Am Samerjoch zwischen Nonsberg und Ultental I Berge erleben © Stephan Illmer
Am Samerjoch zwischen Nonsberg und Ultental © Stephan Illmer
Träger am Suldenferner I Berge erleben © Archiv des DAV, München
Träger am Suldenferner I Berge erleben © Archiv des DAV

Raber und Gendarm

Mit Saccharin und Tabak ging’s bei Nacht und Nebel über die „weiße Grenze“, um sich in harten Zeiten ein kleines Zubrot zu verdienen. Allein in Schnals kennt man zwei Schmugglerscharten, einmal am Oberen Kurzenberg (Kurzras; die Scharte wurde auch als anspruchsvolle Variantenabfahrt benutzt) sowie am Kleinen Similaun auf 3.180 m, um abseits des Niederjochs und der Similaunhütte einen alternativen Grenzverkehr zu betreiben.
Schmugglersteige bzw. -wege kennt man außerdem noch in Prad, Platt in Passeier, Partschins, Gsies und Toblach. Aber aufgepasst: Nicht weit vom Schmugglersteigele am Tschigat wacht
der Gendarm – so heißen zwei aufrecht stehende Felsfiguren am Kamm links vom Tschigat und rechts von der Hochgangscharte (vom Burggrafenamt aus gesehen). Außerdem gibt es eine Felsfigur namens Gendarm beim Ifinger und unterm Wolfendorn am Brenner (2.660 m). Die Namen stammen natürlich noch aus der k.-u.-k.-Monarchie, denn 1919 wurden die Gendarmen bei uns von den Carabinieri abgelöst.