„Tourismus als gesellschaftliche Praxis“ - Aufmachergrafik zum Austausch- und Diskussionsabend © Architekturstiftung Südtirol

„Tourismus als gesellschaftliche Praxis“ bezeichnet einen sozialwissenschaftlichen Blick auf Tourismus: Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen oder die Zahl der Reisenden stehen im Mittelpunkt, sondern wie Menschen durch Tourismus handeln, soziale Beziehungen gestalten und Gesellschaft verändern. Die Alpenvereinsinitiative Bergsteigerdörfer präsentieret dabei einen von fünf Ansätzen für einen anderen Umgang des Tourismus mit den Orten im alpinen Raum.

Im Rahmen der Ausstellung „Über Tourismus“ des Architekturzentrums Wien, die vom Heimatpflegeverband Südtirol im Herbst in den NOI Techpark NOBIS nach Bruneck geholt wurde, organisierte die Architekturstiftung Südtirol am 2. Oktober 2026 eine Begleitveranstaltung mit Diskussion zum Thema Dorf(-strukturen) und Tourismus. Immer mehr Menschen reisen öfter, weiter und kürzer.

Im Rahmen einer Führung durch die Ausstellung wurden den Teilnehmer:innen, vor allem Architekt:innen für welche die Veranstaltung als Fortbildung akkreditiert war, die Auswirkungen unserer Urlaubswünsche auf die gebaute Umwelt, das soziale Gefüge und den Klimawandel vor Augen gefühlt. Die Ausstellung und der anschließende Diskussionsabend setzten sich unter anderem auch mit Lösungsansätzen auseinander: Wie können wir einen Tourismus imaginieren, der nicht zerstört, wovon er lebt?

Zielsetzung der Veranstaltung

 

Die Architekturstiftung Südtirol fasste die Zielsetzung der Veranstaltung wie folgt zusammen (Quelle: Pressetext Architekturstiftung Südtirol vom 18.10.2026):

„Tourismus ist in Südtirol weit mehr als ein Wirtschaftszweig. Er prägt Landschaft, Ortsbilder, Arbeitswelten, Wohnraum und das Zusammenleben. Der Abend betrachtete „Tourismus ist in Südtirol weit mehr als ein Wirtschaftszweig. Er prägt Landschaft, Ortsbilder, Arbeitswelten, Wohnraum und das Zusammenleben. Der Abend betrachtete Tourismus deshalb nicht als eigenständige Branche, sondern als gesellschaftliche Praxis, die tief in Südtirols Kulturlandschaft und Baukultur eingewoben ist.

Es ging nicht darum, sich gegen Hotels zu stellen. Ziel war es, die Vielfalt dessen sichtbar zu machen, was Tourismus sein kann. Dazu gehören Formen, die an bestehende Bausubstanz anknüpfen, Dorfgemeinschaften stärken, historische Gebäude neu beleben und touristische mit kulturellen und sozialen Nutzungen verbinden. Eine Frage zog sich durch den ganzen Abend: Wie kann aus Tourismus ein sozioökonomischer Mehrwert entstehen, der nicht nur einzelnen Betrieben, sondern der Gesamtgesellschaft zugutekommt? Das betrifft Einheimische wie Gäste, Gemeinden wie Regionen.

Im Diskussions- und Austauschformat stellten die beiden Moderatorinnen Ulla Hell und Katharina Volgger fünf unterschiedliche Ansätze vor und die Gäste lieferten Antworten auf die Leitfragen:

-Was ließ sich wie umsetzen?

-Wo liegen Schwachstellen und Hürden?

-Welches Potenzial ergibt sich daraus für vergleichbare oder alternative Wege in der Praxis?

Nachstehend eine Auflistung der fünf Ansätze und Gäste (Quelle: Pressetext Architekturstiftung Südtirol vom 18.10.2026):

  • Bergsteigerdörfer – Regionalentwicklung statt neuer Infrastruktur: Mit Anna Pichler (Alpenverein Südtirol, Koordinatorin Bergsteigerdörfer Südtirol) und Christoph Alfreider (ehrenamtliche Arbeitsgruppe Bergsteigerdörfer Lungiarü). Der AVS setzt die Initiative seit 2016 in Südtirol um. Sie stärkt ursprüngliche, bäuerlich geprägte Dörfer abseits des Massentourismus in ihrer Eigenständigkeit, statt neue touristische Infrastruktur zu schaffen. Mit Matsch und Lungiarü gehören heute zwei Südtiroler Dörfer zum alpenweiten Netzwerk.
  • Grand Hotel Toblach – vom Hotel zum Kulturzentrum: Mit Bernhard Mair (Bürgermeister von Toblach 1990–2010, seit 2024 Präsident der Stiftung Euregio- Kulturzentrum Gustav Mahler). Das einst modernste Hotel Europas wurde zwischen 1989 und 1999 saniert und neu genutzt. Heute beherbergt es den Gustav-Mahler- Saal, eine Jugendherberge, eine Musikschule und Sozialwohnungen.
  •  Albergo Diffuso Neumarkt – Bestand statt Neubau: Mit Horst Pichler (ehemaliger Bürgermeister von Neumarkt) und Werner Reifner (Architekt, Reifner Weiss Architektur). Seit der Tagung „Albergo diffuso – ein Modell für Südtirol” im Jahr 2018 soll das Konzept in Neumarkt als Pilotprojekt etabliert werden. Historische Häuser im mittelalterlichen Ortskern werden dabei zu Gästezimmern, die über den Ort verteilt sind. So wird bestehende Bausubstanz genutzt und der Ortskern belebt.
  • Guggenberg Brixen – vom Kurhaus zum Mehrgenerationenhaus: Mit Ingo Kirchler (Geschäftsführer Mehrgenerationenhaus Guggenberg). Das ehemalige Kurhaus „Von Guggenberg” wurde 1890 als Wasserheilanstalt nach der Kneipp-Methode gegründet. Heute ist es ein Sozialunternehmen. Es zeigt, wie touristisch geprägte Bauten neue gesellschaftliche Aufgaben übernehmen können.
  • Landschaft, Architektur und Tourismus – ein übergeordneter Blick: Mit Marlene Roner (Architektin und Aktivistin). Sie ergänzte die Fallbeispiele um eine fachliche und engagierte Perspektive auf das Verhältnis von Landschaft, Baukultur und Tourismus im Alpenraum.

 

”Wie kann aus Tourismus ein sozioökonomischer Mehrwert entstehen, der nicht nur einzelnen Betrieben, sondern der Gesamtgesellschaft
zugutekommt?

Diese Frage zog sich durch den ganzen Abend.

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