„Olaf aus Sachsen“, Murr Occidentale de Pisciadu, Sella
"Olaf aus Sachsen" © Chris-Jan Stiller und Sebastian Thiele

Eine sächsische Erstbegehung in den Dolomiten - die beiden Kletterer Chris-Jan Stiller und Sebastian Thiele konnten im Juli 2019 eine neue Linie am Pisciadu klettern. Eine Route mit ausdauernder, steiler Kletterei, die komplett mit Bohrhaken abgesichert ist, aber auch mal weitere Abstände aufweist.

Urlaub am Akkubohrer

Marmolada, Drei Zinnen oder Civetta – na, bei diesen berühmten Bergnamen der Dolomiten leuchten die Augen der meisten Alpenfreunde fiebrig. Aber wer kennt schon eine Wand namens Mur Occidentale de Pisciadù? Für Klettersteigfans, klassische Alpinisten und alpine Sportkletterer ist zumindest der Brunecker Turm im linken Bereich des Sella-Massivs am Grödner Joch ein Begriff. Zu klettern gibt es dort z B. Neoklassiker wie die „Otto Volante“ (7a), „Oro e Carbone“ (7a) oder „Anton aus Tirol“ (7b). Wem es also genügt, nicht mehr als eine Dreiviertelstunde zum Wandfuß aufzusteigen, danach ca. 300m steilen und für Dolomiten-Verhältnisse ungewöhnlich kompakten Fels zu klettern, ohne an einem Gipfelkreuz anzuschlagen, da man lediglich ein Geröllplateau erobert, der ist auch in den Wänden rechts des Brunecker Turms gut aufgehoben. Als Chris-Jan und ich im vergangenen Jahr in unserer alljährlichen Alpenwoche die herrlichen neun Seillängen der Route „Anton aus Tirol“ kletterten, ließ Chris-Jan nicht nur ein Mal sein waches Erstbegeherauge nach rechts schweifen. Wäre in dieser zum größten Teil überhängenden gelben Mauer nicht noch Platz für eine weitere anspruchsvolle Linie?

Ein Jahr später. Aus dem Fernglasgespähe und Kopfgekratze vom Vorjahr ist ein Plan entstanden. Das Auto mit Bohrhaken, Akkubohrer und allem Erstbegehungsgerassel zu beladen, sollte kein Problem sein. Auch das Fitnesslevel im grünen Bereich zu halten, kriegen wir hin. Unsicher fragen wir uns allerdings: Hält in dieser Juliwoche das Wetter? Ist der untere Wandteil, aus dem oft das Wasser nach kräftigen Niederschlägen oder feuchten Frühjahrsmonaten läuft, trocken genug? Selbst in Zeiten der Blogs und Apps bekommt man in Dresden keinen digitalen Blick in Echtzeit auf die Nordwand Mur Occidentale de Pisciadù. Was soll’s, nicht lang schnacken, gesackt ist dann schnell… Also rein in die gen Süden donnernde Blechlawine. 23.00 Uhr Ankunft, und: Sternenhimmel! Bester Dinge packen wir am Parkplatz unter dem Grödner Joch die Rucksäcke voll mit lecker Edelstahl und gönnen uns noch ein Lübzer Betthupferl. Am nächsten Morgen können wir es kaum fassen. Blauer Himmel und nur wenige schwarze Wasserfahnen in der Wand. Jetzt geht es also nur um die reinen Klettererprobleme: Wo steigen wir ein, wo geht es lang, wo muss der Haken hin, spielt der Stuhlgang mit?

Etwas fröstelnd stehe ich am ausgeknobelten Einstieg. Der Nordwind pfeift ungemütlich. Über mir türmt sich der Fels. An mir ächzt der Klettergurt unter dem Heavy Metal: Keile, Friends, Cliffs, Bohrhaken. Und auf dem Rücken hängt der 2,5kg schwere, also eigentlich leichte, Akkubohrer. Ich komme mir vor wie ein Biathlet, der im Keller in die falsche Kiste gegriffen hat. Doch Helm auf, meine erste Länge erscheint nicht sonderlich hart. Unser Seilschafts-Deal ist klar: Abwechselndes Erstbegehen und um Zeit zu sparen, jümart der Sicherungsmann hinterher. Ich fange an, denn die zweite Länge könnte angesichts der Steilheit à la „Bärenfalle“ Einbohren an der Leistungsgrenze bedeuten – da sollte man definitiv auf das erfahrenere Pferd setzen… Kalt sind die Hände auf den ersten Metern, aber fest und rau ist der Fels. In diesem Sommer-Kühlschrank hilft nur Bewegung. Auch wenn wir bereits am Einstieg sahen, wohin der erste Stand kommt, so habe ich das erste Dächlein unterschätzt. Zwar sind die Griffe groß, doch bevor ich den passenden Cliff in das geeignete Loch gepopelt habe, sind die kalten Arme dick wie Eisbein. Das kann ja heiter werden. Zum Glück genügt eine kleine Pause in einer windigen Schlinge und der Haken wird gesetzt. Danach geht es auch gleich wieder griffig zu, sodass auf den ersten 32m fünf Bohrhaken genügen. Jetzt ist Chris-Jan dran und uns ist klar: Diese anstehende Überhanglänge könnte uns ein paar Stunden in Anspruch nehmen. Vorsorglich greife ich in unseren Mini-Haulbag und angle mir die Daunenjacke und die gemütlichen Sandalen – der Nordwand-Kühlschrank ist nach wie vor in Betrieb und es hat für des Berfreunds Geschmack etwas zu viel Grip. Doch nach wenigen Metern läuft auch Chris-Jan auf Hochtouren. Flüssig bohrt er Haken für Haken und ist ganz in seinem Element: Begeisterte Äußerungen über die herrlich athletische Lochkletterei wechseln mit Schnaufern, wenn es wiederholt heißt, luftig über den Haken zu klettern, um die nächste Cliffmöglichkeit im Überhang zu suchen. Auch vorm Standplatz zeigt sich der Fels gnädig, kein Abschlussboulder wird verlangt, sondern scharfe Leisten sorgen dafür, dass diese Länge nicht schwerer als die Schlüsselseillänge der Nachbarroute „Anton aus Tirol“ ist. Euphorisch treffen wir uns am zweiten Stand und haben an diesem Tag noch Zeit für zwei weitere Längen. Gegen 18.00 Uhr und 130m Neuland, fixen wir die Seile, seilen ab und freuen uns auf lecker Lübzer aus dem Kofferraum. Doch welche Überraschung, auf dem Parkplatz werden wir mit Puntigamer, einer Biersorte der Steiermark, empfangen und Robert, ein 62-jähriger Kletterer, fragt uns begeistert über unser Abenteuer aus. So etwas ist auch Chris-Jan nicht gewöhnt. Denn welcher ältere Bergsteiger freut sich schon in Sachsen über Erstbegehungen, die noch gar nicht fertig sind? Doch hier scheint uns alles und jedermann gewogen. Die Hälfte der Wand ist nach einem Tag eingerichtet und das Wetter soll stabil bleiben. Nach einer erholsamen Nacht weckt uns auch am zweiten Tag die Sonne und mit leichtem Gepäck schweben wir förmlich zum Einstieg, da Seile und Kletterkram am Wandfuß auf uns warten. Nur ein paar frische Akkus, Bohrhaken und Magnesiumtabletten haben wir dabei. Wir werden sie brauchen, denn der Wandbereich, der unsere Fitness-Hausaufgaben mit kleinen Dächern und leicht überhängenden sowie glatt anmutenden Passagen überprüft, steht an. Aber zunächst Morgensport. An einem 70 Meter frei hängendem Seil hoch zu jümarn ist für alpine Expeditionsfans täglich Brot. Für uns frei kletternde Flachländer einfach nur schweißtreibende Knochenarbeit. Bestimmt haben wir die Fußschlaufen nicht optimal eingestellt, ganz sicher haben wir nicht die beste Technik parat, aber: Arbeit muss ja gemacht werden… Nach den fixierten Längen fühle ich mich, als hätte ich gestern den Umzug einer fünfköpfigen Familie vom dritten in den fünften Stock ohne Fahrstuhl erledigt. Also erst einmal Rundumblick ins Tal, den knatternden Rockerbanden und der Wohnmobilralley hinterhergeschaut. Mund auf für Magnesiumtablette und Müsliriegel. Wie bestellt ist Länge Fünf nicht schwerer als 6c, nur die Standplatzentscheidung fällt nicht leicht, da es für die kommenden Meter überall zach aufsteilt. Zeit für den spannendsten Teil der Route: Überhang, Dach und seichte Rippchen stehen auf dem Menüplan. Und es wird gespeist wie am Vortag. Trotz der Steilheit gibt es immer Cliff- und Griffstrukturen, schnurgerade installiert Chris-Jan sturzfrei eine fantastische Linie. Feste, trickreiche, aber auch pumpige Leisten- und Lochkletterei, ohne unschöne Einzelstellen, hat hier auf uns gewartet – wir sind in Hochstimmung. Nach zwei Stunden und 57 Metern entscheidet Chris-Jan sich endlich für den Standplatz. So eine Länge mag dem klassischen Alpinisten ein Fragezeichen ins Gesicht zaubern, doch Chris-Jan hatte schlichtweg keine Lust auf einen nervigen Hängestand. Ende der Hauptschwierigkeiten! Unsere letzte eigene Seillänge präsentiert sich als leicht liegende Genusskletterei und danach münden wir schnurgerade in die Abschlusslänge von „Anton aus Tirol“ ein, die ebenfalls den Kletterfluss nicht mehr bremst. Glücklich seilen wir ab, „Olaf aus Sachsen“ ist installiert, jetzt müssen wir alles nur noch Rotpunkt klettern, doch wir haben ja noch so viel Zeit, dass morgen vorerst Ruhetag ist und heute Abend das Kochprogramm durch eine Pizzeria in Calfosch ersetzt wird.

Und das Ende vom Lied? Nach einem Tag Pause konnten wir bei bestem Wetter „Olaf aus Sachsen“ im Team euphorisiert und ohne Schwierigkeiten Rotpunkt klettern. Wir hatten dabei soviel Spaß, dass dieser Akku-Bohrer-Trip angesichts des Felspotentials der Dolomiten sicher nicht der letzte war… Der Wegname, eine Hommage an unseren regionalen Blödelbarden Olaf Schubert, der seit Jugendtagen vor allem mit seinen Hördialogen unsere Sprachkultur intensiv geprägt hat, stand schon zuhause fest. Jetzt leuchtet er mit violettem Nagellack am Einstieg. Was würde wohl Olaf zu diesem Erlebnispaket aus Fels-, Wetter,- und Teamglück sagen? Vielleicht: „Helm ab, Frau Mütze!“

 

Sebastian Thiele

"Olaf aus Sachsen" © Chris-Jan Stiller und Sebastian Thiele

Routeninformationen

 

Zustieg:

Vom Parkplatz des Pisciadu Klettersteiges zum Einstieg 45min.

Schwierigkeit:

7b, 7a obl

Länge:

300 m

Seillängen:
8

Zeit:

4 Stunden

Fels:

sehr gut bis ausgezeichnet, einige kurze blockige Intermezzos

Ausrüstung:

NAA, 15 Expressschlingen, mittlere Keile, Camelot 0,5-2

Absicherung:

Standplätze mit Bohr- und Normalhaken, Zwischensicherungen clean bzw. müssen alle selber gelegt werden

Charakter:

In der 2.& 6.Sl Ausdauernde steile Kletterei, ansonsten leichter und senkrecht. Komplett mit Bohrhaken abgesichert aber auch mal weitere Abstände.

Abstieg:

Abseilen über die Route und vom 2. Stand von „Anton aus Tirol“ zum Einstieg

Erstbegeher:

Sebastian Thiele & Chris-Jan Stiller im 16.07.2019