„Anarchie (VIII)“, Furchetta, Villnösser Geisler
Erstbegehung der Route "Anarchie" von Oliver Root und Lorenzo Barbolini
Am 1. Oktober 2026 vollendeten Oliver Root und Lorenzo Barbolini ihre Route „Anarchie“ durch die Nordwand der Furchetta in der Geislergruppe. Die Route führt über 20 Seillängen und rund 940 m bis in den VIII. Grad.
Geschichte der Furchetta-Nordwand
Die Furchetta-Nordwand galt für lange Zeit unter den besten Alpinisten als unüberwindbare Wand. Die Größe, Steilheit und der teilweise brüchige Fels machten sie bis 1925 zu einer der wenigen verbliebenen Wände der Dolomiten, die noch keiner entschlüsselt hatte. Zuvor hatten es bereits namhafte Kletterer wie Angelo Dibona, Luis Trenker und Hans Dülfer versucht, ohne Erfolg. An der nach Hans Dülfer benannten „Dülferkanzel“ drehten alle um.
1925 wagte Emil Solleder mit Fritz Wiesner einen Versuch. Sie kletterten durch die Wand und erreichten den Gipfel, wichen aber an der schwierigsten Stelle nach der Dülferkanzel nach rechts aus. 1931 versuchten es Hans Buratti und Matthias Auckenthaler. Auch sie erreichten den Gipfel, wichen jedoch weit nach links in die Nordostwand aus.
Der junge Battista Vinatzer kletterte 1932 gemeinsam mit Giuani Rifesser den scheinbar unmöglichen direkten Ausstieg ohne zu zögern an einem Tag. In einem Interview sagte Vinatzer später: „Wir sind halt hinaufgegangen, es war schon ein bisschen schwierig und brüchig, aber nicht gerade so, dass wir gedacht hätten aufzugeben. Die erste Seillänge habe ich geführt, danach haben wir uns abgewechselt. Es ist eine Route, für die ich keine Werbung machen möchte. Wenn einer gehen will, soll er wissen, dass sie sehr schwierig ist. Allerdings wäre es heutzutage, mit der Ausrüstung, die es jetzt gibt, vielleicht etwas anders.“
Der zweite Wiederholer der Route, Erich Abram, sagte: „Man muss verantwortungslos sein, wenn man dort hinaufklettern will.“
Heute ist man sich einig, dass diese Route bereits den siebten Schwierigkeitsgrad berührt hat, fast 50 Jahre, bevor das erste Mal eine Route offiziell mit VII bewertet wurde.
Ich selbst bin die Route heuer im Sommer geklettert und fand heraus, dass sie immer noch verdammt schwierig ist, sowohl mental als auch physisch.
Später eröffneten noch andere legendäre Kletterer wie Reinhold Messner und Ivo Rabanser ihre eigenen Touren an der Furchetta.
All diese Geschichten machen die Furchetta zu einer der berüchtigtsten und interessantesten Wände der Dolomiten. Noch heute gilt jede Route durch die Nordwand als sehr schwierig und bietet jedem Kletterer ein unvergessliches und herausforderndes Erlebnis.
Unsere erste Begegnung mit dieser Wand
Als wir im letzten Jahr zum ersten Mal gemeinsam die Wand durchstiegen, waren wir noch ziemlich unerfahren, nicht gerade gut vorbereitet und wussten über die Furchetta rein gar nichts. Mit 1 ½ Sets Black Diamond Friends am Gurt und einem schwarz-weißen Topo stiegen wir um halb 9 in den „Meraner Weg“ ein. Schon in den ersten Längen wurde uns klar, dass diese Wand viel herausfordernder war als alles, was wir zuvor geklettert waren. Seillänge für Seillänge bewegten wir uns in dieser gigantischen Mauer nach oben. Nach 12 Stunden stiegen wir völlig erschöpft auf dem Gipfelhang aus. Für den Gipfel war es zu spät und Wasser hatten wir auch keines mehr. Um nicht in die Dunkelheit zu kommen, entschieden wir uns für den Abstieg über die steile Rinne.
Uns war bewusst, dass diese Wand eine ganze Stufe schwieriger war als alles, was wir bisher geklettert waren. Doch schon damals, etwas enttäuscht davon, den Gipfel nicht erreicht zu haben, stellten wir uns eine Linie vor, die direkt durch diese Wand auf den Gipfel führen könnte.
Und dann – etwas mehr als ein Jahr später – standen wir beide zum ersten Mal am Gipfelkreuz – erlöst von den Gedanken, die uns seit damals im Hinterkopf herumgeschwirrt waren und uns gequält hatten.
Die Erstbegehung
Als wir am Tag der Erstbegehung um 1:00 Uhr losfuhren, wussten wir, dass wir heute nicht soandln durften, wenn wir nicht in die Finsternis kommen wollten. Es war bereits der 1. Oktober und die Tage waren schon kürzer, doch durch die Fixseile und die Arbeit, die wir bereits geleistet hatten, hatten wir Hoffnung, dass wir es schaffen könnten.
Wir waren zuvor bereits viermal in der Wand gewesen, wobei wir an zweien der vier Tage jeweils nur eine Seillänge geklettert waren. Einmal hatten wir Florian Unterfrauner als Fotografen, Radio und Packesel und einmal Niklas Root als mentale Stütze und belay baddie mit dabei.
Am Tag der Erstbegehung lief alles nach Plan, wir kamen flott voran, kannten den unteren Teil der Route bereits gut und fühlten uns eigentlich topfit und ausgeruht.
Um kurz nach halb 9 kamen wir an unserem bisher höchsten Punkt in der Route an. Von hier aus war jede Seillänge neu, also machten wir uns gleich wieder an die Arbeit. Zuerst stieg ich zwei Längen vor, dann Lore zwei, danach wechselten wir uns ab. Im Grunde war alles besser als erwartet, der Fels war bis auf wenige Ausnahmen wirklich gut und die Kletterei war zwar anspruchsvoll, bereitete uns aber keine größeren Schwierigkeiten. Im großen Ausstiegskamin fanden wir an einer heiklen Stelle zwei uralte Holzkeile und einen rostigen Haken, über die wir uns wunderten. Erst im Nachhinein wurde uns klar, dass wir wahrscheinlich denselben Ausstieg gewählt hatten wie Auckenthaler und Buratti, welche von der Dülferkanzel in die Nordostwandgequert waren. Um 16:00 Uhr standen wir dann auf dem Gipfel.
Die Gefühle und Gedanken, die ich in dem Moment spürte, sind für mich sehr schwierig in Worte zu fassen. Einerseits war ich stolz darauf, dass Lore und ich als Freunde und Seilpartner so gewachsen waren, andererseits fragte ich mich jedoch, wie ich es mir herausnehmen konnte, meinen Namen unter eine Route in dieser legendären Wand zu schreiben.
Text: Oliver Root
Hintergrund
Oliver und Lorenzo kennen sich seit dem Kindergartenalter, sie sind Nachbarn und wuchsen zusammen in Milland auf. Bereits im Kindesalter erlebten sie ihre ersten gemeinsamen Abenteuer, wobei wir schnell lernten, wie wir zusammen mit verschiedensten Situationen umgehen müssen. Nach dem achten Mal, als Lorenzo sich den Kopf im Kindergarten aufschlug, wusste Oliver bereits, was zu tun war, und er wusste genau, wie Oliver reagieren würde. Was sie als Seilschaft ausmacht, ist ein tiefes Verständnis ihrer Stärken, Wissens und ihrer Ängste. Klare Kommunikation ist für sie selbstverständlich, dabei müssen sie nicht sprechen. Feste Regeln haben sie eigentlich nicht wirklich. Die wichtigen Prinzipien sind unausgesprochen: Das Ziel ist zu Hause, der Gipfel ist ein Bonus; ihr Bauchgefühl wird niemals ignoriert; die Sicherheit des Partners ist mindestens gleich wichtig wie die eigene.
Routeninformationen
„Anarchie„
Erstbegehung: Oliver Root und Lorenzo Barbolini, 1. Oktober 2026
Länge: 20 Seillängen, ca. 940 m
Schwierigkeit: VIII
Ausrichtung: Nordost
Felsart: Dolomit
Charakter: Klassische, lange Dolomiten-Nordwand. An den allermeisten Ständen befindet sich mindestens eine fixe Absicherung. Der Fels ist bis auf einige Stellen gut, man sollte aber nicht davon ausgehen, dass alles hält, was man angreift. Die Erstbegeher haben die losen Steine entfernt, so gut es bei einer so langen Tour geht. Der schwierigste Teil der Route ist wahrscheinlich die Routenfindung. Zur Vorbereitung kann man sich die Wand auf Google Earth in sehr guter Auflösung anschauen.
Material: normale alpine Ausrüstung, 60-m-Halbseile, 1 Set Klemmkeile, 2 Sets Totem, Hakensortiment und Hammer
Zustieg: Von der Zanser Alm zur Glatsch Alm, dann auf Weg Nr. 36 Richtung Süden zur Wand. Sobald man das Geröllfeld sieht, gerade hinauf zum Solleder-Einstieg. Dann 100 m in die Große Rinne bis zu einem Haken, der mit einem grünen Seilstück markiert ist (markanter überhängender Riss).
Tipp: Wer früher im Jahr kommt, spart sich beim Einstieg einen nicht ganz einfachen Boulder, weil dann noch mehr Schnee liegt. Der Haken, der den Einstieg markiert, könnte dann aber unter der Schneedecke liegen.
Abstieg: Es gibt zwei Möglichkeiten.
- Durch die Rinne (nur empfehlenswert, wenn relativ viel Schnee in der Rinne liegt!): Vom Gipfelkreuz ca. 10 m nach Nordwesten zu einem Abseilpunkt absteigen und mit einem Halbseil abseilen. Danach nach rechts queren, den Steinmännern folgend. Auf dem Normalweg (Gelände 2/3) Richtung Scharte absteigen, immer den Steinmännern nach. Kurz vor der Scharte gibt es einen empfehlenswerten Abseilstand an einem Köpfl. An der Scharte findet man an einem markanten Stein einen gebohrten Abseilstand. Von hier immer in der Rinne bleiben und je nach Schneeverhältnissen 2- bis 3-mal bis zum Schotterfeld abseilen.
- Über die Mittagscharte: Von der Scharte nach links Richtung Gröden absteigen bis zu einer Kreuzung. Hier rechts Richtung Mittagscharte abbiegen und ca. 300 Hm aufsteigen. Von der Mittagscharte absteigen bis zur nächsten Kreuzung, dort rechts Richtung Geisler Alm. Ab der Geisler Alm gibt es mehrere Wege, man folgt einfach den Schildern Richtung Parkplatz Zans.
„Diese Route wurde mit Haken des AVS-Alpinfonds erstbegangen.“










