© Martin Dejori
Man steigt gemeinsam auf, schleppt gemeinsam das Essen, haust gemeinsam im Biwak, macht es gemeinsam dreckig – und gemeinsam wieder sauber. Nach diesem „Zusammenschweiß“ – Motto ist auch dieser Bericht über die Biwak-Westalpen-Aktion im Aiguilles Dorees Gebiet aufgebaut - mit verschiedenen Blickwinkeln der ALPINIST-Team Mitglieder:
Wie habt ihr die vierte Hitzewelle der Ferragostowoche überlebt? Wir entschieden uns für die Flucht nach oben, auf etwa 3000 Metern zu den „goldenen“ Granitwänden des Aiguilles Doreés. Aber erstmal mussten wir hinkommen: Der Fohrer Martin und Martin Forer (Achtung Wortspiel) erwiesen sich als zuverlässige AVS-Bus-Fahrer, mit Radio Bollermann im Hintergrund und der Walliser Bergwelt im Vordergrund. Zumindest eines davon motivierte.
Obwohl „Biwak“ das Thema der Aktion ist, sollte die d’Orny Hütte das erste Ziel sein. Unsere Schultern verdankten es uns – die Verpflegung für 10 hungrige Gipfelstürmer war schon schwer genug für vier Tage.
Bereits beim Hüttenaufstieg passierten wir die imposante Felswand des Petit Clocher du Portalet. Er stand wie eine Pforte da, die prüft, ob man dem Eintreten ins Dorees Gebiet gewachsen war. Wir nahmen die Herausforderung an- am nächsten Tag wollten wir da oben stehen. Samu, Martin, Lex und Vroni mit Gianluca von Südost – Raphi und Lisa mit Deja von Norden (in Etat de Choc), ebenso Olli und Andi (in Ave Cesar). Wir umzingelten praktisch die oben mit angestrichenen Fingernägeln auf uns wartende Madonnenstatue.
Lisa:
„Ich stieg in die erste 7a – Offwidth Länge ein. Der 5er und 6er Friend wären perfekt gewesen – wären. Beide hatten wir nicht dabei. Aber mein Körper war eh Klemmblock genug. Wie schwer es auch war, sich weiter nach oben zu bewegen, genauso schwer war es in die andere Richtung: Ich steckte mit dem ganzen Körper fest. Nicht einmal den Kopf konnte ich drehen, um die Tritte auf der anderen Seite zu sehen. Die Lösung: Helm ab. Ich legte ihn in eine Nische tiefer im Riss. Endlich konnte ich den Kopf höher bewegen, drehen ging immer noch nicht. Deswegen: Kopf aus dem Riss raus, drehen, in die andere Richtung wieder rein. Da waren also die Tritte! Wieder Kopf raus, Kopf drehen: die Griffe waren wieder sichtbar. So kämpfte ich mich weiter. Hauptsache ich vergesse nicht den Helm!“
Mit blauen Flecken, aufgeriebenen Handrücken (wie es sich fürs Rissklettern gehört) und grummelnden Magen waren wir spätnachmittags wieder in der Hütte. Wir gönnten uns beim Abendessen ordentlich Nachschub, denn bald hieß es auf dem Biwak fasten. Unsere Verpflegung optimierten wir mit einem großen Laib Hütten-Brot, welches wir uns durch fleißiges Tellerschrubben in der Küche verdienten. Die Hüttenwirte hatten ihren Spaß mit uns als Angestellte und spendierten uns ein paar Getränke dazu.
Am nächsten Tag folgte der Aufstieg zum Bivouac Envers des Doreés, der Weg führte bei Gletscherspalten entlang bis der Aiguille Doreés sichtbar wurde: Eine rötliche Granitwand, die wie ein Drachenrücken zackig aus dem reinweisen Gletscherfeld ragte. Dahinter lag das Biwak. Abgeschieden und idyllisch. Und mit Wlan. Nichts da mit dem klassischen abgeschiedenen Biwak-Leben. Nach der Ankunft blieb noch Zeit für einige Klettermeter am nahen gelegenen Klettergarten.
Der nächste Tag begann mit einem ergiebigen Erdnussbutter-Haferbrei, der von nun an jeden Abend liebevoll von Andi und Olli angerichtet wurde. Damit waren wir bereit für die nächsten Kletterrouten, für den Klassiker Eole danza per noi und den Capucin du Doreés!
Olli:
„Gleich am ersten Tag, an dem wir eine längere Route in den Aiguilles Dorees klettern konnten, suchten wir uns eine mega Linie am Capucin du Doreés aus. Der Capucin ist ein großer, auffällig schöner Zipfel, der sich im oberen Teil vom Rest der Wand ablöst. Die Route verläuft direkt an der Kante mit einem perfekten Fingerriss durch eine glatte Granitplatte als Finale. Da wir als Dreierseilschaft kletterten machten ich und Andi uns am Einstieg mit Schere-Stein-Papier aus, wer welche Längen vorsteigen dürfte. Mit meinem taktischen Papier gewann ich gegen Andis Stein und suchte mir natürlich die oberen 6 Längen aus. Bereits in den ersten 2 Längen hatte ich den Spaß meines Lebens. Die Formationen im Felsen waren so absurd, dass ich immer wieder stehen blieb, um sie mir genauer anzusehen. Als ich am Stand unter der Platte ankam, sah ich vom Riss nicht viel, eher nur die grifflose Platte und wurde ein bisschen nervös. Als ich aber endlich bereit war einzusteigen verschwand alles. Der Riss war so perfekt, dass ich alles vergaß und einfach klettern konnte. Die Größe änderte sich ständig, weshalb man immer wieder von Finger- zu Hand- bis zu Faustklemmern abwechselte und immer wieder perfekte Friends platzieren konnte. Mit Sicherheit war diese eine der schönsten Längen, die ich je geklettert bin.“
Zurück zum Biwak: Snacks werden vernascht, im nahen Gletschersee wird sich erfrischt, beim Watten wird geboten und geblufft. Die nächsten Tage folgten dem gleichen Muster: Früh aufstehen, zur Wand zusteigen, reichlich jammen und fisten. Risshandschuhe waren ein Muss. Das Planen und die Schwierigkeiten beschränkten sich dabei nicht nur aufs Klettern:
Lex:
„Zurück im Biwak – ein Blick in die Küche, der nichts Gutes erahnen ließ: Kein Wasser mehr. „Selbst ist die Frau“, dachten wir Mädels uns und marschierten entschlossen, bewaffnet mit Kanistern und Kübeln, zum nahegelegenen See. Einmal aufgefüllt, wurde uns allerdings schlagartig bewusst, wie schwer ein paar Liter Wasser werden können. Mit dem Hintergedanken, dass der Rückweg zum Biwak dann doch nicht ganz kurz war und über Geröll führte, wurde kurzerhand die Hälfte wieder zurück in den See geschüttet. Nach einer gefühlten Ewigkeit, unzähligen Lachern, vielen Schweißperlen und einer unbekannten Anzahl an Pausen erreichten wir schließlich wieder das Biwak – bemüht, uns die Strapazen nicht anmerken zu lassen. Mit bedingtem Erfolg. Das Wasserholen überließen wir in den nächsten Tagen dann doch lieber den Jungs – natürlich ganz ohne einen bestimmten Hintergedanken“
Die Klettertage endeten auf dem Biwak so schneller als erwartet:
Samu:
„Für den letzten Klettertag beim Doreés Biwak wurde bereits für Mittag vereinzelt Regenschauer gemeldet. Also entschieden sich Vroni, Lex, Martin, Gianluca und ich die Tajabone auf die Aiguille Sans Nom zu klettern. Es war wirklich ein Genuss, diese zu klettern; mit moderaten Schwierigkeiten. Den krönenden Abschluss dieser Tour bildete noch eine Gummibärchen-Verkostung auf dem Gipfel (am besten waren die Krokodilos).“
Doch ganz vorbei war es noch nicht: Zwischen Aufbruch vom Biwak und Ankunft im Tal war noch eine weitere Hüttennacht zwischengeschaltet. „Umgekehrte Akklimatisierung“ nennt man so was. Dadurch wurde uns nicht nur die Besteigung des Aiguilles D’Orny vergönnt, sondern wir fanden auch etwas ganz Besonderes, vielleicht sogar ein Omen (zumindest für jene, die an so was glauben):
Lex:
„Am letzten Tag, beim Abstieg von unserer letzten gemeinsamen Klettertour der Woche, lag er plötzlich da – ganz unscheinbar zwischen unzähligen Anderen. In den vergangenen Tagen hatten wir schon so vieles gefunden: perfekten Granit, bestes Wetter, exzellentes Essen, schönste Ausblicke auf die Gletscherwelt rund ums Biwak, traumhafte Risse und elegante Verschneidungen. Vor allem aber hatten wir als Team unzählige gemeinsame Momente und unvergessliche Erlebnisse gesammelt. Und dann, am allerletzten Tag, fehlte eigentlich nur noch eines: ein Stein in perfekter Herzform. Als hätte er genau auf uns gewartet, lag er da. Ein kleines Zeichen für sieben Tage voller Teamgeist, Abenteuer und gemeinsamer Leidenschaft für die Berge.“
Natürlich wurde er mitgenommen.








































































































































