AVS-Hauptversammlung in Kaltern © AVS
In Kaltern ist am 9. Mai die 121. Hauptversammlung des Alpenvereins Südtirol über die Bühne gegangen. Traditionell wurde Rückblick auf das abgelaufene Jahr gehalten – mit Zahlen und Inhalten; Präsident Georg Simeoni blickte auf 80 Jahre AVS zurück, aber auch voraus. Nach 18 Jahren als Vizepräsidentin übergab Ingrid Beikircher ihr Amt an Dorothea Volgger. Ein weiteres Highlight der Hauptversammlung waren schließlich eine hochkarätige Gesprächsrunde und die Übergabe des alpinen Förderpreises an Maximilian Braun.
Der erste Höhepunkt der Hauptversammlung war die Rede von AVS-Präsident Georg Simeoni. Ein wichtiger Tätigkeitsbereich des AVS sind und bleiben die Hütten. 2026 und 2027 stehen die Sanierung der Marteller Hütte und der Dreischuster-Hütte an, im abgelaufenen Jahr wurden die Tiefrasten- und Sesvennahütte saniert. „Sie wurden den neuen Erfordernissen in energetischer und hygienetechnischer Hinsicht angepasst, auch wurden Unterkünfte für das Personal geschaffen“, so Simeoni. Die Kosten trägt der Gesamtverein, unterstützt großteils vom Land und Solidaritätsbeiträgen einiger Sektionen. Gemeinsam mit dem ÖAV wurde das Helmhaus im Zuge eines Interreg-Projekts als Ort der Begegnung saniert.
80 Jahre AVS – Ehrenamt als Säule
Simeoni erinnerte daran, dass der Alpenverein Südtirol am 14. Juni 1946 am Sitz der SVP gegründet wurde und damit das 80. Gründungsjubiläum gefeiert wird. „Ich erinnere an die Männer der ersten Stunde: Friedl Volgger, Luis Fuchs, Candidus Ronchetti, Hans Klotzner, Josef Mahlknecht und Franz Huber – alles Bergsteiger aus Bozen und Meran“, sagte er. Erster Vorsitzender war Hans Forcher-Mayr, ihm folgten weitere 3 Präsidenten und 2 Geschäftsführer. Heute hat der AVS 37 Sektionen und 59 Ortsstellen, ist Eigentümer von 11 Schutzhütten und hat 25 Mitarbeiter:innen in der Landesgeschäftsstelle. „Die Säule der Vereinsarbeit ist das Ehrenamt. Leider ist es nicht mehr selbstverständlich, sich ehrenamtlich einzusetzen. Die Gründe dafür sind vielfältig: überbordende Bürokratie, immer mehr gesetzliche Bestimmungen und ein Verlust von Idealen in der Gesellschaft“, sagte Simeoni. Die Wertehaltung – Respekt in jeglicher Hinsicht – werde bei allen Kursen und Veranstaltungen des AVS vorgelebt und weitergegeben. Besonders wertvoll sei der Einsatz der jungen Funktionäre, welche diese Haltung an die Kinder weitergeben, die somit schon damit aufwachsen.
Natur und Umwelt: Gesetze nicht nur erlassen, kontrollieren!
Ein Dauerbrenner in unserer Tätigkeit ist der Natur- und Umweltschutz. Damit wir alle und auch unsere Gäste noch einen gewissen Freiraum im Gebirge haben und genießen können, ist es unbedingt notwendig, die noch wenigen unerschlossenen Gebiete als solche zu erhalten. Ständig gebe es Projekte für Skigebietserweiterungen, Speicherbecken, Kapazitätserhöhungen der Aufstiegsanlagen und Almerschließungsstraßen. „Hier ist unser aller Einsatz gefordert. Erinnern möchte ich im Spezifischen an die Zerstörung des Wanderweges in der „Steinernen Stadt“, an das geplante 200.000m³ große Speicherbecken im Skigebiet Karerpass und in Kaltern, an die Abholzung des Waldes in der Gallenmahd in Martell für den Bau des Martell-Ressort und Hotel, den Windpark am Sandjoch, die neu aufgeflammte Diskussion über den Zufahrtsweg zur Bockerhütte im Naturpark Texelgruppe und an das Projekt zum geplanten Bau eines Almweges auf die Tristen- und Eppacheralm im Naturpark Rieserferner-Ahrn.
„Wozu gibt es Naturparke, die per se schon ausgewiesene Schutzgebiete wären, wenn dann respektlose und zerstörerische Eingriffe erlaubt sind? Es muss die Frage berechtigt sein: Was nützen alle Gesetze und Vorschriften, wenn sie nicht kontrolliert und exekutiert werden? Schaut man da bewusst weg, wenn ohne Rücksicht Natur zerstört wird oder wenn man sich über jegliche Grundsätze hinwegsetzt?
Hier mein Appell an die Verantwortlichen in der Politik: Bitte erinnert Euch an Eure Wahlversprechen, für mehr Umwelt- und Naturschutz, für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Opfert nicht mit fadenscheinigen Argumenten und zur Unterstützung gewisser Lobbys alle guten Vorsätze. Das größte Kapital Südtirols sind unsere einmaligen Berge und die Natur. Wenn wir dies weiterhin den Interessen Einzelner opfern, so sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir gut sitzen! Ein verbautes Südtirol ist nicht attraktiv. Das ständige immer mehr Wachstum muss jetzt einem immer mehr Bewahren und Schützen weichen“, sagte Simeoni. Der AVS versuche, Vorbild zu sein – in den meisten Sektionen werden Vereinstouren angeboten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden, demnächst soll ein Projekt zur CO-2-Bilanzierung der Aktivitäten des AVS eingeleitet werden.
Genauso ein Anliegen ist dem Präsidenten die Toponomastik. Im Geiste von Luis Vonmetz will er die Arbeit zur Einführung der historisch gewachsenen Namen weiterführen. Politisch sei man kaum einen Schritt weitergekommen. Er verwies auf die Liste mit Namensvorschlägen für Landeshütten, welche der AVS bereits 2018 hinterlegt habe und erinnerte an den Gedankenanstoß von Vizepräsidentin Ingrid Beikircher im Sommer 2025. Bei einer Aussprache vor zwei Monaten habe sich der Landeshauptmann bereit erklärt, sich des Themas anzunehmen.
Kompatschers Replik
„Bleibt bei eurer Kritik, erhebt eure Stimme – ihr habt manchmal Recht, nicht immer“, sagte Landeshauptmann Arno Kompatscher. Wichtig sei konstruktive Kritik, so könne man gemeinsam wachsen. Er unterstrich allerdings, dass die Politik nicht stets mit Genehmigen beschäftigt sei – „sehr viel häufiger lehnen wir Projekte ab“. Natürlich bestehe Druck, Berge erreichbar und erlebbar zu machen. „Aber das ist nicht erst seit gestern so. Viele Schutzhütten in Südtirol sind über 100 Jahre alt. Vieles von der Erschließung sei auch gut, wichtig ist es jetzt aber, Grenzen zu finden und aufzuzeigen“, sagte er. „Sprechen wir die Eppacher und Tristenalm an: Das Projekt sieht vor, die Almwirtschaft zu erhalten. Das ist wichtig, wir brauchen die Almwirtschaft. Die Gefahr ist es aber – und genau das ist das Dilemma – dass wir nicht wissen, ob es nur bei der Erhaltung der Almwirtschaft bleibt oder ob in Zukunft auch eine touristische Nutzung eine Folge sein könnte“, sagte Kompatscher. Hier gelte es, ehrlich zu sein. „Lösen wir dieses Dilemma gemeinsam“, appellierte er an den AVS. Der AVS leiste vieles, wichtig sei der Einsatz dafür, für Respekt gegenüber den Bergen zu sensibilisieren. Auch in Sachen Toponomastik versprach Kompatscher seinen Einsatz „bevor ich die Politik verlasse“. „Die Faschisten haben Unrecht getan. Inzwischen ist es so, dass einige von Tolomei erfundene Namen Teil ihres Heimatbegriffs für italienische Mitbürger geworden sind. Aber hier reden wir von vielleicht 2000 von insgesamt 8000 Namen. Die Lösung ist eigentlich einfach: Was für die italienischen Bürger Heimat geworden ist, nehmen wir ihnen nicht wieder weg – ich rede hier immer nur von den erfundenen – die historisch gewachsenen in allen Sprachen werden nicht angetastet. Jene Ortsnamen, die nicht genutzt werden, streichen wir“, sagte er. „Neue Namen erfinden steht aber nicht zur Diskussion“, so Kompatscher. Bedingung für die politisch stets äußerst gefährliche Debatte zur Toponomastik sei allerdings der Dialog – der AVS habe bereits mit dem DAV und dem CAI das Gespräch gesucht. „Es ist klar, dass man es nicht jedem Recht machen kann, aber wir brauchen den Dialog“, sagte Kompatscher.
Neuwahlen
Bei der diesjährigen Vollversammlung gab es auch Neuwahlen. Zwei langjährige ehrenamtliche Funktionäre wurden gebührend verabschiedet. Vizepräsidentin Ingrid Beikricher stellte sich nach 18 Jahren der Wahl nicht mehr, ebenso gab Albert Platter, Vinschgauer Bezirksvertreter, nach 12 Jahren in der Landesleitung sein Amt ab. Als Vizepräsidentin neu gewählt wurde Dorothea Volgger (57) aus Sand in Taufers. Sie ist erfahrene Funktionärin im AVS. Neuer Vinschger Bezirksvertreter ist Stefan Wallnöfer (36) aus Prad und ebenfalls seit Jahren auf Sektionsebene aktiv.
Albert Platter wurde als Mitglied der Landesleitung und als Vertreter aller Bezirke im Präsidium verabschiedet. „Die Arbeit ist mir nicht zuviel geworden, ich denke aber, dass ein Verein mit über 80.000 Mitgliedern Erneuerung braucht, um sich weiterzuentwickeln“, sagte er. Georg Simeoni lobte seine stets besonnene Art, aber auch seine Hartnäckigkeit – oft habe es lange Diskussionen gegeben, das habe letztlich aber immer zu guten Entscheidungen geführt. „Albert Platter hat die Sektionsleiter regelmäßig zusammengerufen, um Rückmeldungen aus der Basis für seine Arbeit einzuholen“, sagte Simeoni.
Mit dem Alpenvereinsmarsch, den Vizepräsidentin Ingrid Beikircher für den Alpenverein hatte zum 150. Gründungsjubiläum von Robert Schwärzer hatte komponieren lassen, wurde ihre Verabschiedung eingeleitet. Der Männergesangsverein Kaltern hatte ihn umgeschrieben und einstudiert Vor 18 Jahren war Ingrid Beikircher zur Vizepräsidentin gewählt worden – sie arbeitete mit 2 Präsidenten und 2 Geschäftsführern. Sie gestaltete das vorherige Mitteilungsblatt in das Vereinsmagazin „Bergeerleben“ um; heute ist es eines von vielen gern gelesenen Bergzeitschriften. Georg Simeoni hob Ingrid Beikirchers Anliegen für das Thema Toponomastik hervor – „unsere Anliegen sind oft an politische Grenzen gestoßen“, meinte er. Bergsteigerdörfer und das Thema Natur und Umwelt, vor allem die Erschließungen, waren für Ingrid Beikircher ebenfalls große Anliegen. Gerührt hielt sie selbst Rückblick auf ihre ehrenamtliche Zeit im AVS. „Die Tausenden Stunden, die ich mit Herzblut für den Verein gearbeitet habe, waren eine große Lebensschule für mich“, sagte sie. Bergeerleben sei ihr Herzensprojekt, das sie nun an Ulli Huber als Leiterin übergebe. „Unsere Vorfahren haben im Ehrenamt den AVS weitergebracht, machen wir in ihrem Geist weiter, halten wir das Ehrenamt hoch. Die Organisation der eigenen Bespaßung ist toll, viel mehr gibt einem aber der ehrenamtliche Einsatz für andere“, sagte Ingrid Beikircher. Mit einem Rauchquarz vom Schwarzenstein – ihren absoluten Lieblingsstein – wurde sie schließlich noch überrascht.
Alpiner Förderpreis 2026 vergeben
Maximilian Braun aus Vahrn erhielt bei der Hauptversammlung des AVS den alpinen Förderpreis des AVS. Der junge Alpinist, der im August 22 Jahre alt wird, erhielt den Preis aus den Händen seines Mentors Stefan Plank. Mit dem alpinen Förderpreis – dotiert mit 1500 Euro – will der AVS zeigen, dass er Wert auf die Entwicklung des wahren Alpinismus legt; der Preis soll Nachwuchstalenten Anerkennung und Ansporn sein. Bei der Auswahl wird unter anderem Wert darauf gelegt, dass die Preisträger in allen Bereichen aktiv und stark unterwegs sind und dass sie viele Touren und auch Erstbegehungen unternommen haben.
„Ich lebe meinen Traum“, sagte Maximilian Braun. „Ich bin nirgends der Beste, bin kein Ausnahmetalent, bin aber in mehreren Bereichen solide“, meinte er. Alpinismus sei eine „ehrliche Tätigkeit, für die es Fleiß und Motivation braucht, bei der aber Kopf und Geist den Unterschied machen“. Umdrehen können und scheitern gehörten dazu. Es gehe nicht um Rekorde, sondern darum, Träume zu haben und ihnen zu folgen. „Es ist wie in allem im Leben: Man muss sich der Herausforderung stellen und auch in ernsten und brenzligen Situationen nicht aufgeben“, sagte Maximilian Braun. (im Bild mit Schwester und Mutter).
Klimawettbewerb: Preisträger ermittelt
Der AVS hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Mitglieder ihre schönsten Touren, die sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht haben, einreichen konnten. Unter den 33 Bewerbungen wurden bei der Hauptversammlung zwei Übernachtungen auf einer AVS-Schutzhütte für jeweils zwei Personen verlost. Die glücklichen Gewinner waren: Erika von Egitz von der Sektion Bruneck und Verena von Zwigl von der Sektion Drei Zinnen .
Gesprächsrunde: Alpinismus im Alpenverein von morgen
Am Podium saßen Kathrin Zischg, aktive Alpinistin, Co-Leiterin der Hochtourengruppe Bozen, Anna Mantinger, junge Alpinistin mit besonderer Leidenschaft fürs Steilwandfahren, ehemalige Sportkletter-Athletin, Teilnehmerin im AVS Projekt ALPINIST, unter anderem bei den Exklusiv-Aktionen für Damen, Andreas Gschleier, ehemaliger Teilnehmer des, ehrenamtlich im Ausschuss des Projektes ALPINIST tätig, nimmt immer wieder auch journalistisch kritisch zum Thema Alpinismus & Ethik Stellung und Hanspeter Eisendle einer der besten Kletterer weltweit, im Brotberuf Bergführer, er ist einer, der mit seiner (selbst)kritischen Haltung zum Bergsteigen immer wieder aufhorchen lässt. Ausgehend von der übereinstimmenden Definition, dass Alpinismus etwas mit Freiheit zu tun hat, damit, irgendwo zu sein, wo sonst niemand hinkommt, wurde über die Rolle des Alpinismus im Alpenverein und die Rolle des Alpenvereins für den Alpinismus der Zukunft diskutiert. Evi Keifl moderierte die Gesprächsrunde. Die Lacher auf seiner Seite hatte Hanspeter Eisendle, als er erklärte, dass jedem das Klettern, eine Basis des Alpinismus – samt erstem Absturz in die Freiheit – in die Wiege gelegt sei.
Einigkeit herrschte in der Runde darüber, dass weniger mehr ist – und das in Zukunft immer mehr. „Dafür, dass die Bergwelt in Südtirol so einen großen Ansturm erlebt, ist sie eigentlich noch sehr intakt. Wir haben Hotspots, wir haben Probleme, aber der AVS – und wohl auch die gesamte Gesellschaft – haben schon bisher vieles richtig gemacht“, sagte Andreas Gschleier. Jetzt brauche es das Bewusstsein, dass wir jetzt nicht mehr mehr bekommen könnten. „Jede neue Seilbahn, jede neue Hütte nimmt uns etwas“, sagte er. Das sei keine Gefahr, sondern eine Chance. Was es brauche, sei Weitsicht und Bedacht bei Debatten über Infrastrukturen. Als ein wichtiges Projekt wurde „ALPINIST“ hervorgehoben. „Es bringt Menschen mit derselben Leidenschaft zusammen. Schön wäre, wenn es auf lokaler Ebene auch kleiner Projekte dieser Art gäbe“, sagte Anna Mantinger – aus dem Publikum kam der Wunsch von Preisträger Maximilian Braun, das Projekt finanziell noch besser auszustatten. Einsatz des AVS für Alpinismus erwartet sich Kathrin Zischg nicht nur in der Wand und in Sachen Kletterethik oder Müllvermeidung, sondern auch in der Frage: „Wie komme ich zur Wand“?. Pässe werden geschlossen – und damit der Zugang zu vielen Kletterrouten erschwert. „Es wäre wünschenswert, wenn der AVS hier mit konkreten Lösungsvorschlägen für die Alpinisten arbeiten würde“, meinte Zischg. Und schließlich brauche es auch das Gespräch. „Erinnern wir uns, dass Alpenvereine eigentlich aus Protest entstanden sind. 1865 wurde das Matterhorn erstbestiegen – damals starben 4 von 7 Alpinisten. Öffentlich gab es eine Debatte darum, Bergsteigen als Unfug zu verbieten. Eine Jugendbewegung hat in dieser Zeit den ersten Alpenverein gegründet. Der Alpenverein sollte die Debatte mit der Elite nicht vergessen. Irgendwo im Verein gibt es die Jungen Wilden – es ist nützlich, ihre Ideen zu kennen. Der Alpenverein braucht sie mehr als sie den Alpenverein“, sagte Eisendle.

































