„No country for loose rocks“, Pfattner Wände
© Corentin le Masne de Chermont und Stephan Kuche
Über ein Jahrzent nach der Erstbegehung der „Cojote“ gibt es nun an den Pfattner Wänden eine weitere Route für Rissliebhaber: eine gut zugängliche Trad-Mehrseillänge im 6b-Bereich – ideal für alle, die klassisches Jam-Klettern ohne Extremgrad suchen.
6. Januar
Stephan und ich treffen uns unter grauem Himmel. Mit tief in die Daunenjacken vergrabenen Händen gehen wir aufeinander zu, jeder Schritt knirscht auf dem gefrorenem Boden. Für manche ist das ein Tag zum Skifahren oder Eishockeyspielen. Für uns ist es der Tag, an dem wir unsere erste Trad-Mehrseillänge eröffnen wollen.
Während wir unsere Ausrüstung in einen 150-Liter-Haulbag packen, fragt uns ein neugieriger Mann, ob wir zum Eisklettern unterwegs seien. Mit all unseren Schichten würde das tatsächlich passender wirken. Um beim Zustieg Zeit zu sparen und den kurzen Wintertag optimal zu nutzen, bringt Stephan sein E-Bike mit und hängt es an mein nicht ganz so elektrisches Bike Nach nur fünfzehn Minuten Tandem-Lance-Armstrong-Manier bergauf stehen wir über der Route, die wir einige Tage zuvor entdeckt – aber eigentlich seit Jahren erträumt – hatten.
Über die Jahre haben Stephan und ich eine starke Seilschaft aufgebaut und viele klassische Linien in den Dolomiten und darüber hinaus wiederholt. Oft habe ich mich gefragt, warum wir immer wieder auf die Gipfel zurückkehren und bewusst den schwierigeren Weg wählen – wie wahre Eroberer des Nutzlosen. Am Ende glaube ich: Wir tun es, um Abenteuer mit guten Freunden zu erleben.
Und wenn das stimmt – was könnte ein größeres Abenteuer sein, als ins Unbekannte aufzubrechen, eine Spur zu hinterlassen, wo noch niemand war, etwas zu schaffen, das andere wiederholen können und an das wir uns erinnern?
Bisher waren wir stets in den Spuren der Erstbegeher unterwegs. Dieses Mal wollten wir fühlen, was sie gespürt haben müssen – riesige Wände erkunden, ohne zu wissen, wo die Route verläuft, wie schwer sie ist oder ob sie überhaupt machbar ist.
Ein paar Tage zuvor, in den gefrorenen Feldern von Briti, mit dem Fernglas vor dem Gesicht, offenbarte sich endlich die Linie, nach der wir gesucht hatten. Aus der Ferne reihten sich mehrere Risse perfekt über einem großen Dach aneinander. Ich konnte es kaum erwarten, näher heranzukommen und zu sehen, ob das Dach zu überwinden war.
Bei unserem ersten Erkundungsabseilen zeigte die Wand ihr Geheimnis: ein versteckter Kamin hinter dem Dach, der die scheinbar größte Barriere elegant umging. Ab diesem Moment wusste ich: Wir haben eine echte Chance, die Route frei zu klettern.
An diesem kalten Januarmorgen lehnen wir uns über die Kante – bereit für alles, was die Wand uns entgegenwirft. Wir sind nicht nur hier, um eine neue Route zu klettern. Wir wollen sie auch sicher und genussvoll für jene machen, die nach uns kommen. Das heißt: effizient arbeiten und klettern, bevor uns die Winterdunkelheit einholt.
Wir beginnen von oben und richten zuerst die gebohrten Standplätze ein. Kalte Seile gleiten durch noch kältere Hände, während ich mit dem Haulbag zwischen den Beinen abseile, kurz darauf folgt Stephan. Meter für Meter putzen wir die Wand, schlagen Haken, entfernen lose Schuppen, die tief unten zerschellen. Die Wand ist brüchiger als gedacht. Jeder Meter verlangt Aufmerksamkeit. Jeder hohle Klang muss geprüft werden. Die Reinigungsarbeit ist langsam und körperlich fordernd.
Als wir den Wandfuß erreichen, sind unsere Unterarme müde und die Nasen voller Staub. Es fühlt sich an, als läge der anstrengendste Teil des Tages bereits hinter uns.
Mit sichtbar dampfenden Körpern im kalten Luftzug ziehen wir Schichten aus und binden uns ein.
Das eigentliche Abenteuer beginnt.
Die erste Seillänge starte ich zögerlich – mehr darum bemüht, die Wand nicht mit mir herunterzuziehen, als nach oben zu kommen. Doch auf halber Höhe ändert sich der Charakter der Wand plötzlich. Der Fels wird kompakt und offenbart perfekte Risse bis zum Stand. Hände und Füße sinken mühelos hinein. Das ist es, was wir von unten gesehen haben. Das ist die Linie.
Kurz vor dem Stand holt uns die Realität ein: Mein #4-Cam hängt noch bei Stephan, 25 Meter unter mir. Über mir wartet die Schlüsselquerung – ohne dieses Sicherungsgerät undenkbar. Also stoppe ich an einem alten Seilstand einer benachbarten Route, sichere sorgfältig nach und hole Stephan nach. Kleine Entscheidungen – mit echtem Gewicht.
Oberhalb des Standes bewacht ein massiver loser Block den Einstieg in die Querung. Ich versuche, ihn zu umgehen – doch als ich nach dem nächsten Griff greife, reißt die Schuppe plötzlich unter meinem Gewicht aus.
Ich fliege rückwärts, der Felsblock noch in meiner Hand.
Ich lande auf dem Absatz darunter und kann mich gerade noch an der alten Bandschlinge halten – knapp vorbei an einem gefährlichen Sturz über den Sichernden hinweg. Der ausgerissene Block trifft eines unserer Seile. Als wir es einziehen, ist der Mantel sichtbar beschädigt.
Wir schauen uns lange an. Dann bricht Stephan in nervöses Lachen aus:
„Deshalb haben wir zwei Seile!“
Wir lachen. Humor war immer Teil unserer Seilschaft – egal ob im leichten Gelände oder in harten Sequenzen.
Die folgende Schlüsselquerung ist mental anspruchsvoller als physisch. Ich suche nach entfernten Tritten, vertraue einem zweifelhaft aussehenden Griff – der überraschend solide klingt. Schließlich stehe ich auf einem verkeilten Block. Noch ein Zug – die Länge ist frei geklettert.
Die versteckte Kaminlänge übernimmt Stephan. Ein hohler Block verschiebt sich sichtbar. Ich stehe wie festgenagelt am Stand, starre in den Kamin wie in den Lauf einer Pistole. Schließlich klettert er vorsichtig daran vorbei.
Als ich nachkomme, löse ich den hohlen Block und sehe ihn am Stand vorbeistürzen und im Tal zerschellen.
„Nicht so schlimm. Dem wäre ich ausgewichen“, denke ich.
Die letzte Seillänge übernehme wieder ich. Von unten sehen die Offwidth-Risse einfach aus – doch bald stecke ich halb im Berg, ringe nach Luft. Chicken Wings, Arm-Bars, gestapelte Fäuste. Technisch nicht verzweifelt, aber körperlich fordernd bis ins Mark.
Und plötzlich – nichts mehr über meinen Händen.
Ich mantle auf den Absatz und setze mich. Minuten später sitzt Stephan neben mir. Stille. Zerkratzt, müde, ruhig. Federn aus meiner aufgerissenen Daunenjacke treiben im letzten Licht des Tages die Wand hinab.
Langsam begreifen wir, was wir getan haben. Unsere Hände treffen sich mit einem hörbaren Klatschen.
Zurück im Tal, mit Bier in der Hand und Freunden um uns, füllen wir unsere Ecke der Bar mit Lachen und Euphorie. Der Name ist schnell klar:
„No Country for Loose Rocks“
Für die rote Wand und die perfekten Splitter-Risse, die eher in eine amerikanische Wüstenlandschaft passen würden als in die Apfelplantagen bei Bozen. Und für die zahllosen losen Steine, die wir entfernt haben, damit andere die Route ohne Angst genießen können.
Wenn uns diese Route eines gelehrt hat, dann das:
Eine Erstbegehung ist keine Eroberung.
Sie ist ein Schritt ins Unbekannte – mit einem Freund. Ein gemeinsames Erlebnis. Und eine Spur für andere, die folgen wollen.
Text: Corentin le Masne de Chermont
Routeninformationen
Erstbegeher: Corentin le Masne de Chermont & Stephan Kuche
06.01.2026
Schwierigkeit: VII / 6b RS2 (obligatorisch)
Länge: ca. 90 m
Seillängen: 4
Felsart: Bozner Porphyr
Ausrüstung:
50m Halbseile
Doppelter Satz Cams bis BD #3
Je ein BD #4 und #5
Mikrocams oder Klemmkeile empfehlenswert
Charakter: Deutlich zugänglicher als die berühmte „Cojote“ folgt No Country for Loose Rocks einer durchgehenden Risslinie von Finger- bis Offwidth-Rissen und beinhaltet einen wunderschön exponierten Kamin.
Alle Standplätze sind mit Bohrhaken oder Bandschlingen eingerichtet, geklettert wird ausschließlich mit mobilen Sicherungsmitteln (Trad).
Der Fels ist größtenteils kompakt, es gibt jedoch einige größere Blöcke bzw. Schuppen, die zwar belastbar sind, hinter denen jedoch besser keine Sicherungen gelegt werden sollten.
Ein Rückzug nach unten ist nicht vorgesehen. Wiederholer sollten sich sicher fühlen, die obligatorische 6b-Schlüsselstelle im Vorstieg abzusichern und frei zu klettern.
Seillängenbeschreibung:
1. SL (15–30 m, VI / 5c R1)
Empfohlener Einstieg auf einem Absatz, der von einem Riss geteilt wird.
Vom Wandfuß aus startet man links der aufeinandergestapelten Blöcke in einer Eckverschneidung. Über teils loses Gelände erreicht man den geteilten Absatz.
Von dort nach links queren und dem senkrechten Riss bis zu einem großen Block mit Bandschlinge folgen – Standplatz P1.
Startet man direkt vom geteilten Absatz, kann der Stand übersprungen und SL 1 und 2 kombiniert werden.
2. SL (7 m, VII / 6b R2)
Vorsichtig über den großen, leicht losen Block zum senkrechten Riss klettern, anschließend unter dem Dach nach rechts queren.
Mit einem boulderartigen Zug zum Stand auf einem Absatz.
3. SL (20 m, VI+ / 6a R1)
Im Kamin (Achtung: hohle Schuppe rechts), anschließend leicht nach rechts ausweichen, um das Dach zu umgehen.
Dem Risssystem folgen bis zum gebohrten Stand einige Meter oberhalb.
4. SL (25 m, VI+ / 6a R1)
Den Offwidth-Rissen nach Wahl folgen. Der Vorstieg ist anstrengend, aber nie extrem schwierig.
Über mehrere kleine Absätze zum letzten Standplatz.
Zustieg (ca. 40 Min.)
Auf der Hauptstraße Richtung Montiggler See fahren.
In der Kehre ca. 200 m vor dem See rechts abbiegen, an der nächsten Kreuzung links bis zu einer Schranke.
Hinter der Schranke auf der asphaltierten Straße Richtung Montiggler Porphyr-Steinbruch weitergehen. Bergauf an einer weiteren Schranke vorbei bis zur RAI-Sendestation.
Der Straße entlang des Zauns folgen, bis links ein kleiner Waldweg abzweigt (am Beginn stehen Bienenstöcke).
Dem Weg etwa 500 m folgen. Schließlich erscheint eine Wand mit weißen Streifen unterhalb einer Geländekante oberhalb des Dorfes Briti.
Auf der Geländekante steht ein Baum mit horizontalen Markierungen.
Die Route beginnt 2 m unterhalb dieses Baumes auf einem Absatz.
Am Rand des Absatzes liegen rechteckige Blöcke; am rechten Block befindet sich an der Wandseite der erste Abseilstand.
GPS Einstieg: 46.408708, 11.293980
Abstieg:
Der Einstieg wird über zwei Abseillängen an gebohrten Standplätzen erreicht.
R1: 45 m
Vom Absatz am rechten rechteckigen Block senkrecht abseilen, durch einen Kamin hindurch bis zu einem Absatz.
R2: 30–40 m
Vom Absatz entweder bis zu einem durch einen Riss geteilten Absatz (empfohlen) oder ganz bis zum Wandfuß abseilen.
Empfohlen wird der Start vom geteilten Absatz, da der untere Abschnitt vom Wandfuß aus nur über loses, uninteressantes Gelände erreicht wird.
Auf dem geteilten Absatz gibt es keine Bohrhakenstände, jedoch gute Möglichkeiten, den Sichernden mit 1–2 Cams einzurichten.











