„Memory (IX-)“, Campiller Turm, Villnösser Geisler
Erstbegehung der Route "Memory" von Martin Dejory und Titus Prinoth
Am 11. Juni 2025 gelang Martin Dejori und Titus Prinoth am Campillerturm in den Villnösser Geisler die Erstbegehung der Route Memory. Gut ein Jahr später, am 22. September 2026, riefen sie sich bei eisigem Nordwind die Griffabfolge wie bei einem Memory wieder ins Gedächtnis und kletterten die Route frei.
Memory – Ein Spiel gegen das Vergessen
Von Martin Dejori
Die Nordseite der Geisler steht im Vergleich zu anderen Dolomitenregionen oft im Fokus, jedoch nicht in jenem der Alpinisten. Außer an der Furchetta und der Villnösser Rotwand wird an diesen Wänden selten geklettert und selbst in diesen beiden historischen Felsfluchten trifft man nur selten auf Alpinisten. Bei näherem Betrachten dieser formschönen Felsspitzen zeigen sich jedoch Wandbereiche mit guter Gesteinsqualität und einladenden Formationen. Der Campillerturm am östlichsten Ausläufer der Geislerspitzen besticht genau deswegen: eine steile, gelb-graue Wand mit viel Platz für eine Neutour. Titus und ich werden auf eine Linie nahe der markanten Kante aufmerksam, die vom Gipfel herabfällt. Kurz zuvor wurde weiter links eine neue Tour eröffnet und Titus erzählte von tollen Rissen und schöner Kletterei – ein guter Grund, die Wand näher unter die Lupe zu nehmen.
Bei unserem ersten Versuch starten wir früh in Gröden, werden dann aber schon etwas später in Villnöss ausgebremst: Wir haben den Cliff vergessen und sind somit für einen Erstbegehungsversuch eher schlecht als recht ausgestattet. Der Gedanke, eine solch steile Wand, ohne dieses nette Hilfsmittel zu besteigen, ist bald auf Eis gelegt und es muss eine Lösung her. Nach einigen Telefonaten hilft uns ein Freund aus Villnöss weiter und leiht uns dieses essenzielle kleine Stück Metall. Später als gewünscht stehen wir schließlich unter der Wand. Es ist dieses besondere Gefühl, in einen Wandbereich einzusteigen, wo man Griff für Griff – wie beim Memory Karte für Karte – versucht, einen Schritt weiterzukommen, bis man am Ende vielleicht alles aufgedeckt hat und am Ziel des Spiels angelangt ist. Klettern ist aber leider kein leichtes Spiel und man muss besonders im alpinen Gelände voll bei der Sache sein und all seine Sinne anstrengen, um dem Ziel näherzukommen. Ich schaffe die erste Seillänge: eine grau-gelbe Platte mit technischer Kletterei in bestem Dolomitgestein. Es ist Anfang der Saison und man ist das alpine Gelände noch nicht so gewohnt. Gut aber, dass unser Gehirn das Gefühl kennt, schnell reagiert und uns wieder zurück ins Spiel bringt. Etwas leichteres Gelände führt uns unter die Headwall. Titus ist am Zug und klettert entschlossen über eine obligatorische Stelle. Bald darauf schlägt er einen guten Haken – dieser beruhigt ihn, aber auch mich am Stand. Die nächste Seillänge eröffnet den gelben Wandbereich. Eine kurze, athletische Stelle führt zu einem Riss und über eine kleingriffige Traverse mit folgender Platte gelangt Titus zum nächsten Stand. Ein weiteres Kartenpaar ist aufgedeckt, jedoch sind noch immer einige Karten verdeckt. Der nächste Zug sieht nicht leicht aus. Ich starte über eine steile Verschneidung nach oben. Der Dolomit zeigt sich gnädig und lässt sich gut absichern. Immer wieder staunt man, welche Passagen man mit traditionellen Mitteln überwinden kann. Die Seillänge ist ein Geschenk der Natur: Über teils gute Löcher und mit gerade genügend Sicherungspunkten komme ich langsam, aber stetig nach oben. Mit nur wenig verbleibendem Material erreiche ich flacheres Gelände und mitten in einer Platte schaffe ich es, drei gute Fixpunkte unterzubringen. Die Sonne steht schon tief und ein herrliches Licht beleuchtet die umliegenden Bergflanken. Titus klettert schnell nach und wir entscheiden, noch am selben Tag auszusteigen. Vor uns stehen geschätzt noch ein, zwei Seillängen und unsere Erfahrung gibt uns die nötige Zuversicht, dass wir zügig vorankommen. Die Dunkelheit überholt uns schließlich in der letzten Seillänge und wir stehen bei Nacht auf dem Gipfel des Campillerturms. Auch wenn der Tag nicht ganz so ideal gestartet ist, sind wir glücklich, dass wir es doch in einem Zug geschafft haben.
Beim Abstieg wollen wir Zeit sparen, da wir am Morgen darauf beide früh zur Arbeit müssen. Wir entscheiden, dass Titus den deponierten Rucksack über eine Querung zum Wandfuß holen soll. Leider ist das Gedächtnis von den Strapazen leicht angeknackt und so verirrt er sich in der verwinkelten Wand. Ich warte mit dem Rest des Materials am Wandfuß und frage mich, was er da mitten in der Wand sucht und wieso er nicht weiterkommt. Nach einigen Versuchen ist klar, dass vor dem Band, das zum Einstieg führt, noch ein Pfeiler dazwischenliegt – aber ja: Wer nicht vorher gut nachdenkt, ist selbst schuld. So kommt Titus schließlich zu mir, allerdings ohne Rucksack. Diesen lassen wir wegen der späten Stunde am Einstieg zurück und kehren müde, aber glücklich zum Auto zurück.
Die schönen Erinnerungen an diesen Tag bleiben und es ist klar, dass wir die Karten nochmals durchmischen und die freie Begehung der Tour versuchen werden. Beide folgenden Ausflüge zur Wand, um eine sturzfreie Begehung zu schaffen, haben eines gemeinsam: Wetterverhältnisse, die man sich eigentlich nicht wünscht. Beim ersten Mal regnet es schon früh am Morgen, bevor mittags ein heftiges Gewitter durchzieht. Beim zweiten Mal wählen wir ausgerechnet den ersten Herbsttag bei eisigem Nordwind. Aber auch hier gilt wieder: Wer nicht genug nachdenkt, und sein Gedächtnis abruft, muss mit den Konsequenzen leben.
Der erste Versuch, die Tour frei zu klettern, endet wie erwartet wettertechnisch mitten in der Schlüsselseillänge. Wir sind froh, die Absicherung und Griffabfolge zumindest bis dort aufgefrischt zu haben und sind begeistert von der Kletterei, die wir im Jahr zuvor entschlüsselt haben. Bei unserem zweiten Ausflug später im September müssen wir zwar keine Angst vor einem Gewitter haben, dafür pfeift uns aber starker Nordwind um die Ohren. Auch wenn wir laut Windstärke nahezu hinauffliegen müssten, kommen wir nur langsam voran und kämpfen mit kalten Fingern und Füßen. Bekanntlich können Alpinisten recht sturköpfig sein und so wollen auch wir an diesem Tag diesem Ruf gerecht werden. Wir klettern beide alle Seillängen frei und steigen über die Ausstiegslänge zum Gipfel. Ach nein, da ist ja noch eine Seillänge, die wir beinahe vergessen hätten… Am Gipfel müssen wir beide lachen, da der Name, den wir vor einem Jahr vergeben hatten, ein weiteres Mal zutrifft. Memory wird uns nach diesem Tag wohl noch lange gut in Erinnerung bleiben.
Routeninformationen
„Memory„
Erstbegehung: 11.06.2025, Martin Dejori und Titus Prinoth
Erste freie Begehung: 22.09.2026
Schwierigkeit: IX-
Länge: 320 m, 7 Seillängen
Felsart: Dolomit
Charakter: Charakteristische Freikletterei links der markanten Kante des formschönen Campillerturms. Die schweren Seillängen bieten anspruchsvolle Kletterei in meist herrlichem grau-gelbem Dolomit.
Material: normale alpine Ausrüstung, 60-m-Halbseile, 2 Sätze Cams bis BD 2, ein BD 3, Totems blau bis violett dreifach, eventuell Hammer und Haken
Zugang: Vom Parkplatz Zans Richtung Kreuzjoch bis zur Tschantschenonalm. Hinter der Hütte noch ca. 10 Min. dem Weg folgen, dann nach Süden über eine Verflachung zum Schuttkegel queren. Über das Geröll den besten Weg zum Wandfuß suchen. In direkter Falllinie der Tour über leichtes Gelände (III) zum Einstieg.
Route: siehe Topo
Abstieg: Dem Grashang Richtung Wasserkofel folgen, bis der Abstieg zum Wanderweg klar ersichtlich ist. Dann den steilen Grashang absteigen.
- Zurück zum Einstieg: Nicht ganz bis zum Weg absteigen, sondern kurz zu einer Scharte östlich des Turms aufsteigen. Von dort führt ein schmaler Gamssteig zurück zum Einstieg. Mit einmal 60 m Abseilen zum Wandfuß.
- Zum Auto (angenehmere Variante): Bis zum Wanderweg absteigen und über das Kreuzjoch zurück zum Parkplatz.


















